Seit Jahren hat Gilberts Mutter das Haus nicht mehr verlassen und nur zugenommen. Sitzt bloß auf dem Sofa, stopft Essen in sich rein, sieht fern von morgens bis abends. Die Kinder kommen manchmal aus dem Dorf, schleichen sich draußen ans Fenster und bestaunen den "gestrandeten Wal". Ein Monster liegt da in seinen Speckringen, rührt sich nicht, mampft und ist ängstlich. Eine von uns.

"Wer beim Fernsehen ißt", fährt auch schon der Zeigefinger des Gießener Ernährungspsychologen Joachim Westhöfer dazwischen, mitten hinein in unser Wohnzimmer, "wer beim Fernsehen ißt, achtet nicht so sehr darauf, was er zu sich nimmt. Er ißt unkontrolliert, zuviel und eher ungesund." Das hatten wir uns fast schon gedacht. Es frißt der Mensch, solang er glotzt, hätte der Herr Psychologe auch sagen können. Übermäßiges Fernsehen führt zu übermäßigem Essen, und wohin das wieder führt, das weiß man ja und kann es notfalls in Lasse Hallströms Film über Gilbert Grape kontrollieren. Fett wird man, fett und häßlich, ein Schaustück im besten Fall, 200 Kilogramm im babyrosanen Hängerkleid.

Allein seit Erfindung der Fernbedienung, sagt eine zuverlässige Statistik, soll sich das Durchschnittsgewicht der erwachsenen Bevölkerung in der westlichen Welt (armer, fernsehloser Osten!) um 653 Gramm erhöht haben. Mangelnde Bewegung, dazu das vitamin- und mineralstoffarme TV-Essen, aufgewärmte Pizzaboypizza, Chips, Bier, Schogetten bis tief in die Nacht. Igitt.

Aber Fernsehen ist eine Qual und anders als essend nicht zu ertragen. Die Massaker in Kigali gehen weiter, und zapp! Lea Rosh kratzt aus lauter Sorge um Deutschland noch tiefer in ihrem Kehlkopf, und zapp! wieder sind unschuldigste deutsche Waffen zu Friedenseinsätzen in die Türkei abkommandiert worden, und hey! der Nikkei-Index ist auch nicht mehr das, was er mal war. Wie soll man bei dieser Folter auch noch auf ausgewogene Ernährung achten? Gilbert findet sich damit ab, daß seine Mutter abends nicht mehr aufsteht vom Sofa und mit der Fernbedienung in der Hand (lächerliche 653 Gramm!) einschläft.

Gilbert Grapes Mutter fürchtet sich, deshalb braucht sie Bodenhaftung. Draußen vorm Haus kreist das Weltall, saust die Erde mit 107 280 km/h um die Sonne, neunundzwanzigkommaacht Kilometer in einer einzigen winzigen Sekunde. Und da draußen erst: Sind das die himmlischen Heerscharen beim Frühjahrmanöver? Das abgesprengte Blech aus der Frühzeit der bemannten Raumfahrt? Laika vielleicht, das arme Vieh. 29,8 Kilometer jede Sekunde.

Festkrallen an der flachen Erde möchtest du dich, sie bremsen in ihrem rasenden Sturz in den Abgrund. Sie aber schießt weiter durch den Kosmos, unbewegt, ungerührt, nur du hängst an ihr, klammernd, bebend, die Haare flattern im Wind. Wen müßte nicht schwindeln bei dem Tempo, aussteigen möchtest du, verweilen wenigstens für einen Augenblick, versinken in der im Abendrot verlöschenden Venus, den strahlenden Beteigeuze, den irrlichternden Meteoritenschwärmen.

"Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus", dachte sich Joseph von Eichendorff das seinerzeit, "flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus." Vergeblich. Fort und fort strudelt der ungeheure Raum, kein Halten, kein Zuhaus.