Der Bau von privaten Schulen muß vom Staat mitfinanziert werden. Dies entschied in der vergangenen Woche das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe und erklärte damit das baden-württembergische Privatschulgesetz teilweise für verfassungswidrig.

Müssen also künftig auch noch die Privatschulen aus dem schmalen Staatsbudget finanziert werden? Sollte es nicht gerechterweise so sein, daß jene, die der öffentlichen Schule den Rücken kehren, ihre Wahl auch aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen; zumal diese in den Augen vieler eher Luxus ist?

Zunächst einmal sind die Privaten "Schulen in freier Trägerschaft", juristisch gesprochen "Ersatzschulen", deren Errichtung im Grundgesetz garantiert ist. Sie unterstehen zwar nicht der staatlichen Schulaufsicht, sind aber Gründungen der Kommunen. Vom Staat einmal anerkannt, haben sie in gewissem Ausmaß einen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Geregelt wird dies in den Privatschulgesetzen der Länder, und die gewähren den Behörden viel Spielraum, freundlich oder feindlich mit Privatschulen umzugehen. In Bayern etwa müssen Neugründungen zehn Jahre auf staatliche Anerkennung warten. Das Karlsruher Gericht hat diese Wartezeit eben erst wieder bestätigt und ist damit dem Antrag der freien Schulen nicht gefolgt, die diese Frist gerne verkürzt sähen.

Dennoch: Länder wie Hessen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg müssen jetzt auf der Grundlage des Urteils erstmals Baukostenzuschüsse planen. Und damit wird die Existenz von Privatschulen als notwendige Ergänzung zum staatlichen Schulmonopol gesichert und gestärkt. Selbstbewußt weisen die Schulen darauf hin, daß ihre "Ergänzungsfunktion" die Staatsschulen und darüber hinaus die Gesellschaft entlastet. Ihre Lehrer sind Angestellte, sie liegen dem Staat nicht als Beamte auf der Tasche. Die Eltern zahlen unabhängig vom Schulgeld weiter ihre Steuern, mit denen der öffentliche Bildungsbereich finanziert wird. Rund 170 Millionen Mark sparte der Staat 1991 allein durch die rund 60 000 Waldorfschüler, so rechnet jedenfalls der Bund der Freien Waldorfschulen vor. Ein Waldorfschüler koste nur etwa sechzig bis siebzig Prozent der Summe, die für einen Schüler an einer staatlichen Schule ausgegeben werde.

Doch trotz solcher Zahlen und obwohl der Anteil der Privatschüler in Deutschland immer noch höchstens sechs Prozent der Gesamtschülerschaft beträgt (in den Niederlanden sind es 75 Prozent!), empfinden die Kultusbürokratien und die Schulämter die Privaten immer stärker als lästige Konkurrenz. Je tiefer die Unzufriedenheit über das staatliche Schulwesen, desto stärker wird der Boom der "Freien". Von 1971 bis 1991 stieg die Zahl der Privatschüler von 290 000 auf 427 000. Vor allem Eltern, die sich Gedanken machen über das schulische Wohlergehen ihrer Kinder, wenden sich den Privaten zu.

Das führt mitunter zu sonderbaren Konstellationen, wenn etwa eingefleischte Linke ihren Nachwuchs in die Waldorfschule einschulen oder überzeugte Freigeister den ihren auf streng katholische Gymnasien schicken. Natürlich kann dabei auch das falsche Kind in der falschen Schule landen. Die Art und Weise aber, wie die Kultusbürokratien auf die Herausforderung der Freien statt mit Reformen lieber mit Sanktionen reagieren, läßt wenig Hoffnung auf einen belebenden Wettbewerb um die bessere Schule. Zum Glück verhindern das Grundgesetz und immer wieder das Bundesverfassungsgericht, daß der Staat den Bildungsbereich gänzlich monopolisiert. Wie kommentierte doch Martin Walser vor einigen Jahren den Vorstoß des Landes Baden-Württemberg, der jetzt in Karlsruhe zurechtgerückt wurde?: "Eine Gesellschaft, die auf ein einziges Schulsystem angewiesen wäre, ist, selbst wenn sie das nicht wollte, auf dem Weg zur Diktatur." Sabine Etzold