NÜRNBERG. – Danny und Peter haben sich auf einen spannenden Abend eingestellt und vorsichtshalber schon mal die schwarze, matt glänzende Lederjacke übergestreift. Dazu helle Jeans, ein leichter Dreitagebart und der entschlossene, möglichst finstere Gesichtsausdruck, Marke Clint Eastwood. Nun sitzen sie in dem düsteren Büro in der Südstadtwache und wirken wie Schauspieler vor dem Auftritt.

Das Stück, in dem Danny und Peter eine tragende Rolle haben, heißt "Sicherheitswacht". Seit kurzem wird es in Deggendorf, Ingolstadt und Nürnberg gleichzeitig gespielt: ein Modellversuch, mit dem erprobt werden soll, ob Bürger nicht für ihre Sicherheit selber sorgen können (und nur im Notfall die Polizei rufen müssen). Danny und Peter wollen solche Do-it-yourself-Bürger sein und in den kommenden drei Stunden in der Nürnberger Südstadt auf Recht und Ordnung achten. Ausgestattet sind sie dafür mit einer grünen Armbinde samt bayerischem Wappen und dem Aufdruck "Sicherheitswacht", einer Spraydose mit Reizgas und schließlich einem Funkgerät, mit dem sie notfalls Hilfe holen können.

Kein Super-Equipment. Dennoch fiebern die beiden "Sicherheitswachtier" ihrem Einsatz entgegen, sich in ihrem "Traumberuf" zu bewegen. Denn leider ist ihnen dieser Traum erst bewußt geworden, als schon alle beruflichen Weichen gestellt waren. Und deshalb muß Peter jetzt Brunnen bauen, anstatt Gangster zur Strecke zu bringen, und Danny hat sich mit der weniger aufregenden Existenz als Maler und Lackierer angefreundet. Da kommt die "Sicherheitswacht" wie gerufen. Endlich können die beiden im Kampf gegen das Böse, das bekanntlich überall lauert, ihre wahren Qualitäten zeigen. So klingt es eher treuherzig tiefstapelnd, wenn Peter erklärt, er mache das nur zur "Freizeitgestaltung". Und sie seien zufrieden, "wenn wir durch unser Auftreten Straftaten verhindern". Wenig später räumen sie nämlich genauso unisono ein, "daß man schon hofft, daß was passiert"; schließlich sei man ja doch so eine Art Polizeibeamter. Eben.

Genau daran, "daß etwas passiert", hapert es an diesem Abend in eklatantem Maße. Auf der Südstadtwache hatte der Diensthabende noch sorgenvoll und mit belegter Stimme etwas von "Vandalismus" gemurmelt. Doch wohin die beiden auch ihre Patrouillenschritte lenken – alles ist in bester Ordnung. Auch an den angeblichen Brennpunkten, dem Aufseßplatz und im Annapark, herrscht eine geradezu deprimierend friedliche Feierabendstimmung. Sogar die um einen Klapptisch gruppierte "Sandlerszene" an der U-Bahn-Station Aufseßplatz trinkt heute abend in Ruhe ihr Bier. Wirklich in Bedrängnis geraten die beiden Hilfspolizisten lediglich am Kopernikusplatz, wo ihnen ein Mitglied des Bhakti-Yoga-Zentrums das Buch "Der Pfad des spirituellen Lebens" aufnötigen will und sie nachhaltigst zu Meditationsmusik und vegetarischem Essen einlädt.

Ansonsten müssen sich der schwarzlockige Danny und der kupferblonde Peter die Zeit mit angestrengtem Beobachten, um nicht zu sagen: Observieren, vertreiben. Da ist es schon eine willkommene Abwechslung, als über das Funkgerät – vorsichtig codiert – die Mannschaft der Südstadtwache ihre abendliche Pizza ("mit Käse, ohne Käse, Spezial") ordert.

"Jetzt ist alles ruhig, und nach zehn Uhr machen s’ Randale", kommentiert Peter mißmutig das friedliche Bild. Nach zehn Uhr aber, dann also, wenn ängstliche Gemüter sich nicht mehr auf die Straße trauen, wacht auch die Sicherheitswacht nicht mehr. In erster Linie soll sie durch ihre Präsenz verhindern, daß Straftaten begangen werden. "Die Prävention von Straßenkriminalität", wie das Kurt Benisch, der zuständige Polizeirat, nennt, sei das vornehmste Ziel der Sicherheitswacht. Dazu hätte es freilich einer weit auffälligeren Uniformierung bedurft; allein durch das froschgrüne Tüchlein am Oberarm werden die Hilfspolizisten kaum als solche ausgewiesen; in einer Menschenmenge gehen sie völlig unter.

Sehr restriktiv ist auch der Rahmen ihrer Befugnisse. Sie beschränken sich auf die Identitätsfeststellung, die Befragung von Zeugen nach einem Sachverhalt und schließlich auf den Platzverweis. Wirkliches Privileg der Bürgerwacht ist das Funkgerät, mit dem sie die nächste Polizeistreife rufen kann. Eine schlechtbezahlte "Hiwi-Truppe" sei das, meint Alexander Baschek von der Gewerkschaft der Polizei. Pro Stunde bekommt jeder Streifengänger zwölf Mark, der Modellversuch, auf ein halbes Jahr terminiert und auf drei Städte begrenzt, kostet nicht mehr als 50 000 Mark. Die Etikettierung als "Billig-Polizei" war nur eine Frage der Zeit.