Der Streit um das sogenannte "Kirchenasyl" ist verfehlt - und sinnvoll zugleich. Verfehlt ist der Streit, soweit es dabei um die Kirchen geht - sinnvoll, soweit es sich um das Schicksal der Asylbewerber handelt.

Natürlich haben in einer pluralistischen Gesellschaft die Kirchen wie Individuen und andere Organisationen das Recht, ihre eigenen Anliegen wie die Anliegen derjenigen zu vertreten, derer sie sich annehmen - und dies auch gegenüber dem Staat. Aber weder eine Kirche noch irgend jemand sonst hat in einem Rechtsstaat das Recht, sich auf "rechtsfreie Räume" zurückzuziehen. Da könnte am Ende ja jeder kommen.

Der Begriff des Kirchenasyls stammt aus dem Souveränitätsstreit zwischen Staat und Kirche. Dieser Streit ist längst zugunsten des rechtlich geordneten Staates entschieden. Selbst das katholische Kirchenrecht hat daraus die Konsequenz gezogen und das Kirchenasyl gestrichen. Das Asylrecht ist geschichtlich vollständig "verstaatlicht" worden: Der eine Staat nimmt die Verfolgten eines anderen Staates auf. Vor seiner "Verkirchlichung" in der konstantinischen Zeit, also in seinem vorchristlichen Ursprung, war das Asyl an bestimmte "heilige Orte" geknüpft, an Altäre, Tempel oder Götterbilder; jede Verletzung dieser "Sanktuarien" galt als Frevel gegen die Götter. Die reformatorische Theologie hat mit diesen mythischen Vorstellungen gebrochen. Protestantische Kirchenräume jedenfalls sind nicht als solche heilig.

Es kann also beim Asylstreit nicht um kirchliche Privilegien gehen. Wer hier anderes vertreten wollte, müßte auch dulden, daß die Kirchen zum Beispiel im Abtreibungsstreit das staatliche Recht unterlaufen. Nach wie vor aktuell aber bleibt der Konflikt zwischen dem staatlichen Recht und dem individuellen Gewissen. Wer unter Berufung auf sein Gewissen staatlichen Anordnungen den Gehorsam verweigert, muß zwar die rechtlichen Konsequenzen aus seinem Handeln tragen - aber er verdient Anspruch auf staatliches Gehör und kirchlichen Beistand. Das neu geordnete Asylrecht und seine schematische Anwendung beschwert unvermeidlich das Gewissen gerade der gewissenhaftesten Staatsbürger. Wer wie Innenminister Kanther den real existierenden Konflikt zwischen Legalität und Legitimität staatlicher Regelungen auf den Scheinkonflikt zwischen Staat und Kirche verlagert, flüchtet vor dem eigentlichen Problem. Die Zumutungen, die das geltende Asylrecht nicht nur vielen Flüchtlingen, sondern auch rechtlich denkenden Staatsbürgern auferlegt, bleiben bestehen. Um die Loyalität gerade solcher Bürger müßte ein kluger Staat besonders intensiv werben. R. L.