Von Christian Tenbrock

Die ersten Graffiti tauchten kurz nach seinem Tod auf. WE LOVE YOU A. D. stand plötzlich an einer Hauswand. A. D. WE LOVE YOU wurde dann auf der anderen Straßenseite an die Mauer gesprüht. Jetzt prangen die Liebeserklärungen unter vielen Fenstern und neben vielen Türen der tristen Sozialwohnungen in Südmemphis. LOVE A. D. heißt es manchmal. Oder einfach nur: A. D.

Anthony Dean starb im Alter von achtzehn Jahren bei einer Schießerei mit der Polizei. Beamte in Zivil hatten ihn in einem Fast-food-Restaurant beim Drogenhandel gestellt. In den Apartments der Armen nur ein paar Straßenzüge südlich der Innenstadt von Memphis, in den Foote- oder den Cleaborn-Homes, war Anthony Dean der Drogenkönig. Er trug Kettchen aus Gold und fuhr schnelle Autos. Dann und wann verteilte er 20- oder 50-Dollar-Scheine. Wie viele Menschen A. D. auf dem Gewissen hatte, bevor er selber starb, will in den Foote-Homes heute niemand sagen.

Nach seinem gewaltsamen Ende wurden jedenfalls nicht nur Grüße an Mauern und Wände gemalt. In den Wohnungen und auf den tristen Grünflächen zwischen den Häusern trafen sich die Menschen auch, um für Anthonys Begräbnis zu sammeln. Daß er von der Polizei zusammengeschossen worden war, machte ihn fast zu einem Märtyrer. "Was für Optionen hatte er schon in seinem Leben?" fragt Ken Bennett, ein Sozialarbeiter und Priester, der in der Nähe der Foote-Homes eine Straßenmission mit dem Namen Streets betreibt.

A. D. war einer unter gut 23 000 Amerikanern, die jedes Jahr erschossen, erschlagen oder erstochen werden. Dort, wo er aufwuchs und lebte, gehört Mord zum Alltag. Kriminalität ist normal, der Handel mit Drogen eröffnet eine fast schon legitime unternehmerische Karriere. Manche Ghettos seien wie der "Eingang zur Hölle", sagte Amerikas Wohnungsbauminister Henry Cisneros einmal. Aus der Armut wachsen im Hades der USA die Gewalt und die Auflösung aller Moral, gleichzeitig ist das ökonomische und soziale Elend ein Resultat des völligen gesellschaftlichen Verfalls. So lebt das Ghetto in einem Teufelskreis, aus dem ein Entkommen kaum noch möglich scheint.

Von den Foote-Homes lassen sich die Türme der City von Memphis gut erkennen. Bis zur Beale Street, wo einmal der Blues geboren wurde und heute Touristen viel Geld in Bars und Restaurants ausgeben, sind es mit dem Auto kaum mehr als fünf Minuten. Aber die Fahrt nach Südmemphis ist wie eine Reise aus der ersten in die dritte Welt. Autowracks und verfallene oder halb abgebrannte Häuser säumen plötzlich die Straßen. In manchen Ecken türmt sich der Abfall, Fenster und Türen sind vielerorts mit Brettern vernagelt. Gut siebzig Prozent aller Bewohner der Wohnsiedlungen hier leben von Sozialhilfe. Abends warten Prostituierte auf Kunden, in "LC’s Billiard-Bar" an der Vance Avenue wird Crack und Hehlerware verkauft. Rund 4200 Jungen und Mädchen wachsen entlang dieser Straßen auf.

Sie sind die vergessenen Kinder Amerikas. "Zwölfjährige, die Babys haben. Fünfzehnjährige, die sich gegenseitig umbringen. Achtzehnjährige, die ihre Zeugnisse nicht lesen können", so beschreibt sie der republikanische Abgeordnete Newt Gingrich. Die Statistik zeichnet ein grausames Bild von dem Leben junger Menschen am Saum der Vereinigten Staaten: