Selbst die Bischöfin Maria Jepsen konnte die Anwesenden in der Hamburger St.-Katharinen-Kirche nicht mehr trösten. Man war am Himmelfahrtstag zusammengekommen, um den 75. Geburtstag der Hamburger Universität auch von kirchlicher Seite zu würdigen. Doch die Feiertagsversammlung hockte zutiefst verdrossen auf den harten Bänken. Abends zuvor hatte Unipräsident Jürgen Lüthje den Festakt in der Hamburger Musikhalle abgesagt – aus Angst vor protestierenden Studenten, die womöglich die Gäste der Veranstaltung mit Eiern beworfen hätten.

War es überhaupt nötig gewesen, sich in der Musikhalle versammeln zu wollen? In einem Gebäude, in welchem zwar der Gründungsakt des Hauses begangen worden war, das aber stilreinen Patrizierkitsch verkörpert und sich zwar für Selbstbeweihräucherung, nicht aber für Selbstreflexion und Diskussion eignet? Gemessen an den üblichen Zeiträumen deutscher Universitätsgeschichte ergeben 75 Jahre eher einen Kindergeburtstag. Das Gros der Universitätsangehörigen – Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Studierende – mochte ohnehin überhaupt nicht feiern. Allzu widrig sind die heutigen Umstände. Die Uni ist zum Sparen verurteilt. Die Zahlen schwanken, doch etwa siebzehn Millionen Mark soll die Universität weniger ausgeben dürfen als bislang.

"Bildung: Das ist der Schlüssel zum Aufbau und zur Stabilisierung einer demokratischen Gesellschaft", das wollte der Bürgermeister Henning Voscherau auf der Geburtstagsfeier in seiner Rede behaupten. Niemand hätte ihm widersprochen. Man hätte ihm nur nicht geglaubt, daß er seine Worte ehrlich meint.

Bürgermeisterliche Enthaltsamkeit in Sachen Universität hat in der Hansestadt Tradition. Dies ist keine Universitätsstadt, ihr Flair lebt von Handel und Wandel und nicht vom regen Austausch geistigen Guts wie in Göttingen, Marburg oder Tübingen. Das war schon bei der Gründung kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges so: Die Fakultäten sollten die Wünsche der Kaufmannschaft beim Lehren und Forschen berücksichtigen. Über den Geist der Hansestadt lästerte vor 150 Jahren ein Zeitgenosse: "Sie können nichts als Ziffern malen, Freundschaft wird einkalkuliert, Ergebenheit addiert, Treu und Glauben subtrahiert, Arglist multipliziert. Der Rechenschieber ist ihr Voltaire." Kein Wunder, daß sich während der letzten 75 Jahre der Eindruck nie ganz beiseite schieben ließ, daß auch die schönen Künste nur deswegen gepflegt. wurden, "damit sich die geschäftlichen Gäste des In- und Auslandes hier behaglich fühlen", wie Werner von Melle, in der Gründerzeit der zuständige Mann für das Hochschulwesen im Senat, ganz unbefangen formulierte.

Für Senatsmitglieder dieser Tage stehen Hafengeburtstage auf dem Pflichtprogramm, nicht aber das Gespräch mit den Hochschulen. Und was gäbe es nicht alles zu besprechen! Man könnte die "innere Verwahrlosung", wie die Historikerin und ehemalige Vizepräsidentin der Universität Barbara Vogel den Zustand der Uni beschreibt, diskutieren – ziemlich ungemütliche Gespräche wären das, beispielsweise über Professoren, die ihren Lehrverpflichtungen nicht mit Anstand nachkommen. Man müßte über die Beamten- und Versorgungsmentalität einer Generation von Professoren und Dozenten reden, die die 68er-Revolte vor allem als Gelegenheit zur Arbeitsplatzbeschaffung mißverstanden haben müssen.

Zu sprechen wäre auch über eine Studentenschaft, die weniger Bildung als Ausbildung begehrt und geradezu nach Verschulung des Studiums lechzt. Dann würde es auch möglich, die Krise der universitären Ausbildung schlechthin zu erörtern: Warum soll irgend jemand sich einem Studium generale hingeben, das ihm beruflich soviel nützt wie – beispielsweise – einem Ingenieur die griechische Redekunst?

Und wie eine Reminiszenz alter 68er-Zeiten kam dann eine studentische Aktion daher, die kurz vor dem Festakt für Verstimmung unter den Senatsmitgliedern und später zur Stornierung der Feierlichkeit führte. Ein Hamburger Baukaufmann hatte verkündet, der Universität für sechzig Millionen Mark Gebäude zu errichten. Gleichzeitig, aus Anlaß der noblen Geste, sollte auf dem Campus eine Skulptur eingeweiht werden, die als, wie es hieß, "kommunikativer Kern" der Universität herhalten sollte. Eine Gruppe von Studenten ließ es sich nicht nehmen, das Mäzenatentum zu kritisieren. So weit verlief die Sache noch in friedlichen Bahnen.