Von Hinrich Jareds

Rußlands jüngster Abgeordneter im Oberhaus mag keine Sonntagsreden. Er könne gut verstehen, daß sich derzeit kein westlicher Unternehmer zu größeren Investitionen in Rußland bereit findet, erklärte Sergej Jewljew, der – 28 Jahre alt – im Rat der Föderation das Gebiet Murmansk vertritt. Er selbst würde sich auch nicht anders verhalten. In das ansonsten von Vorsitzenden der Regionalverwaltungen und Parlamente oder altbewährten lokalen "Würdenträgern" besetzte Oberhaus wurde er als einer von zwei Murmansker Abgeordneten nach eigenen Worten vor allem dank der Unterstützung "einflußreicher Freunde" gewählt. Hauptberuflich ist Jewljew Unternehmer in der mit 500 000 Einwohnern bevölkerungsreichsten Großstadt jenseits des Polarkreises.

Der junge Senator ist einer der Hoffnungsträger dieser unwirtlichen Region. Als sogenannter nowij (neuer) businessman hat er es nach dem Studium an der Marinehochschule und "etwas Anglistik ohne nennenswerte Ergebnisse" in nur fünf Jahren bereits zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. Als Generaldirektor steht er einer Holding namens Arktic-Service vor, die er mit einem Aktienpaket auch beherrscht. Unter ihrem Dach vereint sie eine Reederei, einen Ölhafen, eigene Tankstellen, ein modernes Hotel sowie eine Fischkonservenfabrik, die in zwei Jahren entstand und nun schon einen großen Teil des russischen Marktes beliefert. Der Export in westliche Länder lohne sich nicht, so Jewljew, in Rußland, seien heute viel bessere Preise zu erzielen.

Trotz niedriger Rohstoffpreise und Lohnkosten seien russische Güter auf dem Weltmarkt schon lange nicht mehr begünstigt. Gestiegene Energiepreise bei durchweg veralteten Technologien machten die Vorteile mehr als wett. Er selbst kalkuliere beispielsweise fünfzig Prozent Energiekosten in allen Stufen seiner Fischkonservenproduktion, vom Rohstoff über die Verarbeitung bis zum Verkauf. Schon damit sei er gegenüber der Konkurrenz im Westen aus dem Rennen – von Verpackungs- und Marketing-Fragen ganz abgesehen. Nur auf dem russischen Markt seien seine Produkte noch abzusetzen – dank hoher Importzölle auf vergleichbare Ware aus dem Westen.

Neben Fisch kann das Gebiet jenseits des Polarkreises noch weiteren potentiellen Reichtum vorweisen. Jurij Berger, stellvertretender Verwaltungschef der Region, berichtet mit Stolz, daß sich unter der Kola-Halbinsel und den anschließenden Festlandsockeln mehr als ein Viertel der in der Welt bekannten Mineralien nachweisen lassen. "Moskau weiß", so Berger, "warum es uns ernst nehmen muß." Auch die Tatsache, daß Außenminister Andrej Kosyrew sein Direktmandat in der Staatschuma, dem russischen Unterhaus, einer Kandidatur in Murmansk verdanke, müsse in diesem Lichte bewertet werden.

Nach wie vor bezieht die russische Wirtschaft zahlreiche lebenswichtige Minerale aus dem Murmansker Gebiet. Und die Gebietsoberen werden nicht müde, auch gegenüber ausländischen Interessenten die langfristigen Chancen gerade des Bergbaubereichs hervorzuheben. Ganz anders indes der Abgeordnete und Unternehmer Jewljew. Er winkt ab: zu unüberschaubar, unkalkulierbar, Rohstoffe seien gar als Import billiger zu haben. In der Tat: Bisher wagt sich kaum ein westlicher Investor an diese "Monokulturen" mit ihren sozialen Problemen und den über Jahrzehnte verschleppten und heute kaum noch zu bewältigenden Umweltschäden heran. Die Zufriedenheit der Arbeiterschaft ist weitgehend dahin, nachdem Privilegien abgebaut wurden und eine Entlohnung weit über dem russischen Durchschnitt, mit der im alten System qualifizierte Arbeitskräfte hierhergezogen wurden, längst der Inflation zum Opfer fiel. Die Umwelthypotheken dagegen sind geblieben. Im Umfeld von Nickelschmelzhütten gleicht die Natur einer Mondlandschaft. Immer mehr Arbeitskräfte verlassen, sofern sie es sich leisten können, denn auch die Gegend in Richtung der Metropolen St. Petersburg, Moskau oder ihrer Herkunftsregion.

Dennoch ist auch Senator Jewljew davon überzeugt, daß Murmansk eine wirtschaftliche Zukunft hat. Kurz- und mittelfristig liege diese jedoch in anderen Bereichen. Zunächst sei im Handel Geld zu machen. Auch der Transport- und Dienstleistungsbereich böte gute Ansatzpunkte für ein Engagement aus dem Westen, gerade für Klein- und Mittelbetriebe. Murmansk werde überdies als einer der wenigen dank des Golfstroms ganzjährig eisfreien Häfen Rußlands an verkehrsstrategischer Bedeutung gewinnen. Auch die Fischverarbeitungs- und Leichtindustrie eignen sich nach Jewljew für einen Einstieg ausländischer Investoren. Das gut funktionierende deutsch-russische Joint-venture in der Fischverarbeitung, Nord-West, könne bereits als Exempel dienen.

Als großen Vorteil für ausländische Investoren nennt der Abgeordnete die im russischen Vergleich geringere Kriminalitätsrate. Da die Stadt nur über einen Flughafen und eine Hauptzufahrtsstraße zu erreichen sei, könnten Behörden das organisierte Verbrechen gut kontrollieren. Und schließlich: Auch politisch sei Murmansk ein Gebiet ohne extreme Ausschläge. Zwar beherrsche noch immer die alte Garde die Gebietsverwaltung, doch sie steuere einen milden wirtschaftlichen Reformkurs. Das Phänomen Schirinowskij, dessen Liberaldemokraten auch im Murmansker Gebiet bei der Wahl zur Staatschuma über zwanzig Prozent erhalten hatten, sollte nicht überbewertet werden. Bereits bei den bevorstehenden Wahlen zur lokalen Duma werde man sehen, daß Schirinowskij nicht wirklich Fuß fassen könne.