arte, Samstag, 14. Mai: "Der böhmische Knoten"

Das böhmische Dorf mit Kirche, Gasthof und Häuserhaufen ist nur auf alten Photos zu sehen. Gelegen im sogenannten Grenzgebiet, wurde es, nachdem seine deutschen Bewohner vertrieben worden waren, in der Stalinzeit gesprengt und abgetragen. Nur das Gotteshaus blieb stehen – konnte es doch als Stall und Lager nützlich sein. Bis heute markiert es die Stelle, an der es einmal ein Dorf gab – und vielleicht bald wieder geben wird. Denn die Bewohner kehren zurück.

Vorläufig nur in Reisebussen, als Touristen und mit Gesang: "Es war im Böhmerwald, wo meine Wiege stand. / Nur einmal noch, o Herr, laß uns die Heimat sehen." Manche wollen mehr. Graf Podstatzky zum Beispiel, der aus Österreich angereist ist, hätte ein ganzes Schloß mit Liegenschaften und Brauerei zu beanspruchen. Seit 1790 haben seine Ahnen hier residiert. Anrainer erinnern sich gut, wie einst der letzte Graf enteignet und abgeführt wurde. Es ist sein Sohn, der heute durch die Gänge des Palastes wandelt und sich beklagt, daß er die Privatgemächer seiner Familie nicht betreten darf. Seine Chancen, etwas zurückzuerhalten, sind nicht groß. Er müßte als tschechischer Staatsbürger anerkannt werden. Dafür streitet er vor Gericht.

Seitdem der Eiserne Vorhang abgeräumt ist, zeigt sich, daß die "Grenzgebiete" grün und schön und besiedelt waren, daß sie Heimat boten. Die Alten sprechen davon, wie hier früher verschiedene Nationalitäten durchaus miteinander zurechtkamen. Dann fielen die Deutschen als Eroberer ein und malträtierten Polen, Tschechen, Juden, Aber sie verloren den Krieg und wurden nun selber verjagt. Jetzt strecken sie ihre Fühler wieder aus – und man beargwöhnt sie. "Da wird noch viel Wasser die Moldau runterfließen", sagt ein Vertriebenenfunktionär, bevor sich das "Negativbild" seines Verbandes ändern werde. Aber: "Auch wir sind Kinder dieses Landes. Das müssen Sie wissen."

Wissen genügt nicht. Wie kann man verstehen und sehen? Durch einen Dokumentarfilm wie den von Pavel Schnabel, der seine Kamera auf der Wiese im Grenzgebiet postiert und sie dann langsam bewegt: auf die Kirche zu, in die Kirche hinein. Hier gibt’s nur Staub und Trümmer. Dann kommen zwei Menschen und räumen auf. Sie graben. Wonach? Sie suchen die Glocke. Und erzählen, zeigen alte Photos. So kommt die Geschichte der Gegend in Gang.

Sie besteht bei Schnabel aus Bildern und Zeugnissen, braucht keinen Kommentar. Man meint am Ende, selbst vor Ort zu sein, wo ein Reisender ja auch keine fertigen Erklärungen vorfindet, wo er sich die Bedeutung der Bauten und das Woher und Wohin der Menschen erst erschließen muß.

Dafür allerdings muß der Filmemacher das Material entsprechend auslegen, er muß es so vorordnen, daß die Gedanken seines Publikums beim Zuschauen in Fluß geraten. Das erreichte Pavel Schnabel. Er hütete sich, Partei zu ergreifen oder einer Seite mehr Recht und Raum zu geben als der anderen. Und zeigte so, daß die Verwicklungen im böhmischen Grenzgebiet nicht nur eine, sondern viele Seiten haben.

Barbara Sichtermann