Von Gunter Hofmann

Bonn

Es kann doch nicht schändlich sein, wenn man – auch als Journalist – eingesteht, daß die wahre Geschichte mehr fasziniert als die Enthüllungsgeschichte. Kann man sich darauf verständigen? Dann ist beim Erzählen über Karl Wienand auch die richtige Reihenfolge zu beachten. "Meine" Wahrheit über den Politiker und Geschäftsmann steht nicht in den Akten von Generalbundesanwalt Kay Nehm oder dem Bundesanwalt Joachim Lampe, die ihn anklagen, weil er seit den frühen siebziger Jahren für die Stasi gearbeitet und seit Mitte der achtziger Jahre (als IM "Streit") dafür auch noch 10 000 Westmark erhalten haben soll.

Die wahre Geschichte über den einst einflußreichen Sozialdemokraten beginnt früher und ist schon längst geschrieben. Sie wird nicht herauskommen vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht. Wer Heinrich Breloers glänzenden Wehner-Film mit dem Kronzeugen Wienand gesehen hat, kennt sie. Unvergleichlich ist das "Einstellungsgespräch", das Herbert Wehner mit Wienand führte. 1967 wurde er Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD (seit 1953 saß er im Bundestag). Wehner also sitzt und schweigt. Schmaucht Pfeife. Drei Stunden lang fast kein Wort. Der Besucher, Wienand, macht sich stumm Vorwürfe, auf dem Weg zum Wehner-Büro nicht die Toilette aufgesucht zu haben. Aber er bleibt sitzen. Er ahnt, es finde ein "Kräftemessen" statt.

"Nachdem das klar war", schildert Wienand, "hab’ ich mich drauf einjestellt." Energie, Selbstdisziplin, Verschwiegenheit – all das las Wehner aus der Begegnung heraus. Wienand bestand vor dem Mißtrauischsten, den die Politikwelt je gesehen hat. Nächte durch haben die beiden sich auch später angeschwiegen, wenn es um "existentielle Fragen" ging. Wienand habe mitgeschwiegen und "dann aus dem Schweigen meine Schlüsse gezogen und gehandelt".

Dank, habe sein großer Mentor ihm gesagt, hätten sie von den Genossen nicht zu erwarten, "wir werden die Proletarier in dieser Partei bleiben". Und dann Wienands Urteil über das legendäre Trio: Helmut Schmidt erscheint darin als der hochintellektuelle Abiturient, der in die Studienrätin Brandt verliebt ist – "aus irgendwelchen Gründen"; weil der aber die Liebe nicht erwidert, zeige er ihm demonstrativ seine Überlegenheit. Während Wehner, für Wienand immer der wahre Held, beider Fähigkeiten und Schwächen klar erkennt und "immer versuchte, in dem einen das mitzusehen, was er nur in dem anderen finden konnte".

Allein diese Skizze des Trios macht deutlich, weshalb Karl Wienand, der gestandene Rheinländer aus Lindenpütz an der Sieg, Jahrgang 1926, Sohn eines Bauarbeiters, der Sozialdemokrat und Kommunist war, seinen ganz spezifischen Platz im Schatten der großen Drei fand.