Der Redaktionszusatz ("Redaktionsschwanz") hinter Gegendarstellungen hat die Funktion, mögliche Lügen der Beschwerdeführer ein wenig zu relativieren. Denn in Gegendarstellungen wird oft mehr gelogen als in den angegriffenen Texten. Oskar Lafontaine und die ihm offenbar blindlings angeschlossene Mehrheit des Saarländischen Landtags haben nun wirklich den Redaktionsschwanz für das Saarland abgeschnitten und die Gegendarstellung auch sonst aufgewertet. Lafontaine ist das weitere Abfeilen der kostbaren Münze Pressefreiheit wichtiger als das Ertragen dieses Menschenrechts mit allerdings unbestreitbarem Mißbrauch durch "Schweinejournalismus" (Lafontaine). Wo Freiheit ist, ist auch Mißbrauch; deshalb die Freiheit zu verringern, das ist antiaufklärerisch. Das Bundesverfassungsgericht wird Oskar Lafontaine da noch belehren. Lafontaine liegt auf der augenblicklichen Linie des Staates. Zahlreiche Staatsanwaltschaften fühlen sich durch den Groll vieler pressefeindlicher Politiker ermutigt, Polizei in Redaktionen zu schicken und die Zeitungsleute einzuschüchtern. Es gab Durchsuchungen bei Focus, beim WDR, bei der Stuttgarter Zeitung, bei RTL. Polizei tauchte in Privatwohnungen von Redakteuren auf, und dies meist mit fadenscheinigen, konstruierten Rechtsgrundlagen. Jetzt melden ZDF und MDR die Beschlagnahme von Filmmaterial in Magdeburg, weil die Polizei es versäumte, dort selbst zu filmen und die Beweise zu sichern: Journalisten, eingeschüchtert durch die Strafverfolgung, werden gleichzeitig zu Bütteln der Strafverfolgung gemacht. Die Freiheit der Medien siecht dahin. Solange die Erinnerung der Menschheit zurückreicht, wurden kritische und gar noch vervielfältigte Äußerungen gegen die kirchliche oder weltliche Obrigkeit als Gotteslästerung, Majestätsbeleidigung, Pasquill, Schmähung verdammt. Strafbar nach launischen und harten Gesetzen. Die Geschichte der Druckerpresse ist seit Gutenbergs Erfindung um 1450 auch geprägt von Zensur und Verfolgungen. Die zahlreichen Flugblätter während der Reformation und des Humanismus, mit einer Fülle neuer Ideen, versuchte die Kirche mit der Einführung der Vorzensur zu unterdrücken. Eine päpstliche Bulle von 1487, Inter Multiplices, führte diese Zensur im gesamten Gebiet der katholischen Kirche als Normalzustand ein.

Der Augsburgische Reichsabschied von 1530 verpflichtete alle Reichsfürsten, dafür zu sorgen, daß "nichts Neues in Sachen des Glaubens" gedruckt und verbreitet werde. Doch die Macht der Ideen war stärker. 1695 kam in England so etwas wie Pressefreiheit als Bürgerrecht auf. Die schon von John Milton und John Locke theoretisch ausgearbeitete und geforderte Freiheit der Presse leuchtete dem englischen Parlament so sehr ein, daß es den Zensurstatus nicht erneuerte. Dem englischen Vorbild folgte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776. Der erste Zusatz zur amerikanischen Verfassung gewährte dann 1791 die uneingeschränkte Rede- und Pressefreiheit.

Die angelsächsischen Menschheitsfortschritte beflügelten auch die französische Revolution. In der Erklärung der Menschenrechte vom 26. August 1789 heißt es in Artikel 11: "Die freie Verbreitung von Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte: jeder Bürger darf also frei sprechen, schreiben, drucken; außer wenn auf den Mißbrauch dieser Freiheit zu antworten ist — in den durch das Gesetz bestimmten Fällen Damit waren schon die gesetzlichen Schranken der Pressefreiheit gekennzeichnet, wie sie viel später in Deutschland Fuß faßte. Auch Frankreichs Karl X strangulierte noch bis 1830 die Pressefreiheit und ließ Druckerpressen von seiner Polizei zerstören.

In Deutschland wurde die Zensur 1819 durch die Karlsbader Beschlüsse eingeführt. Die "sechs Artikel zur Bändigung der Revolution" nach dem Hambacher Fest 1832 und weitere Bundesbeschlüsse 1835 und 1845 verboten alle Verlagsartikel bestimmter Buchhandlungen und die Werke einzelner Schriftsteller, zum Beispiel Heinrich Heines, dessen Schriften in Preußen durchgehend unterdrückt waren.

Erst 1848 proklamierte die Frankfurter Nationalversammlung die Pressefreiheit und das Verbot jeglicher Zensur als Grundrecht. Die Paulskirchenversamrnlung scheiterte, aber die Pressefreiheit setzte sich langsam durch. Doch erst das Reichspressegesetz vom 25. April 1874 verbot - vor genau 120 Jahren - die Zensur und alle anderen Präventivmaßnahmen gegen Medien. Die weitere wechselhafte Geschichte der Pressefreiheit, ihre absolute Unterdrückung im NS Staat und ihre relative (weil die bundesrepublikanischen Medien hineinstrahlten) in der DDR hat jeder Deutsche noch in den Knochen. Das Grundgesetz von 1949 " etablierte die Pressefreiheit in Artikel 5. Seit 45 Jahren ist demnach klar:

Die demokratische Allgemeinheit braucht journalistische Arbeit - seriöse und unvermeidbar unseriöse - unbehindert, ohne MMBMBÜM staatliche Eingriffe und ohne die Stielaugen von Staatsanwälten.

Die Medienfreiheit ist "schlechthin konstituierend" für die Demokratie und die freiheitliche Gesellschaft, so das Bundesverfassungsgericht. Und weiter: "Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates; insbesondere ist eine freie, regelmäßig erscheinende politische Presse für die moderne Demokratie unentbehrlich "