Von Carsten Berg

Der Süd-Express ist fahrplangerecht um 5.21 Uhr morgens in unseren Zielort eingerollt: Guarda, mit 1057 Metern die höchstgelegene Stadt Portugals, unweit der spanischen Grenze, in der Beira Alta.

Mein companheiro zückt den Kompaß. Die kleine Metallnadel weist uns die Richtung durch den nächtlichen Morgen: Kurs Süd, der Sonne entgegen. Die Knochen sind noch steif von eineinhalb Tagen und Nächten auf diversen Sitzen der Deutschen Bahn, des französischen TGV und des berühmten Süd-Express. Auf der schmalen Asphaltstraße müssen wir vorerst jeden Schritt genau setzen, denn ein Umknicken direkt am ersten Tag wäre doch zu peinlich. Wir schweigen also und genießen die für den Städter ungewohnte Stille des Morgens. In der Ferne sehen wir Lichter. Das müßte Vila Garcia sein. Die Entfernung sieht gigantisch aus. Vielleicht sind es vier Kilometer – also ungefähr eine Stunde. Die Gedanken kreisen um ein schönes Frühstück mit Kaffee und – frischen Croissants.

Die Sonne taucht die Landschaft zu unserer Linken langsam in erste Rottöne, dazu beginnen aus allen Ecken Glöckchen von winzigen Kirchen zu läuten. Vila Garcia ist erreicht, aber für einen Kaffee ist es noch zu früh, auch die Landbevölkerung schläft am Sonntag schon mal etwas länger. Mittlerweile sind die Schmerzen in den Schultern nicht mehr zu ignorieren – runter mit dem Rucksack. Nach fünf Minuten Rast beginnt die Angst, daß es dann sicher noch schlimmer wird. Aber welch Wunder: Der Schrank wirkt plötzlich federleicht, zumindest den ersten Kilometer. Danach wird das Ziehen ein treuer Gefährte.

In den ersten Sonnenstrahlen entdecken wir überall in den kleinen Wäldern am Wegesrand Männer mit Schrotflinten und Tarnanzügen. Die Jagd auf die zahlreichen Rebhühner kommt hier offenbar vor dem oder anstelle des sonntäglichen Frühschoppens. Aber so martialisch diese Burschen auch aussehen, alle heben mit der gleichen einzigartigen lusitanischen Langsamkeit die Hand zum Gruß: Born dia!

Bald schon habe ich das Gefühl, die Kilometer fliegen nur so weg unter unseren Sohlen: Zuerst sehen wir am Horizont einen markanten Punkt, ein Dorf, einen Berg oder einfach eine Straße, und einen Moment später – bemessen wir diesen Moment mit ungefähr einer Stunde – sind wir da, und schon baut sich das nächste Ziel vor unseren Augen auf! Wir folgen der Estrada Nacional Nr. 233 über Adäo und biegen vor Sabugal ein wenig Richtung Westen ab. Die Sonne heizt uns nun bereits seit Stunden mächtig ein, und immer öfter legen wir eine Rast ein, um kühles Wasser aus den Lederbeuteln zu trinken und auch mal wieder die qualmenden Füße zu lüften; die morgendliche Regenkleidung wurde bereits gegen kurze Hosen und T-Shirt eingetauscht, aber der Schweiß rinnt in Kaskaden; die vom Hersteller versprochene Air-condition zur Lüftung des Rucksacks zeigt die ersten Schwachstellen, sprich: Hemd und Rücken sind klatschnaß, trocknen aber schnell wieder in der Sonne.

Es ist noch früher am Tag als geplant, und so werden wir etwas übermütig und beschließen, den Barragem de Meimoa, den großen Stausee, noch am selben Abend zu erreichen und dort die erste Nacht auf portugiesischer Erde zu verbringen. Allein die Vorstellung, unsere heißen Füße im Abendlicht in kühles Wasser tauchen zu können, beflügelt die Schritte. Alles läuft so glatt und beinahe schwerelos, daß wir sogar das Sträßchen nach Malcata verlassen und auf einem sandigen Geröllweg auf die Höhenzüge zustreben, hinter denen laut Karte und Kompaß der See liegen muß. Zwei Kilometer weiter versickert unser Pfad in der Landschaft, und wir laufen querfeldein, Kurs Süd-Süd-West. Den ersten Höhenzug erstürmen wir fast im Schlaf, aber – welche Überraschung: Kein See ist zu sehen.