Plötzliche Nähe. Höhnische Abwehr. Streit. Die Entfernung wächst. Und die Paartherapeuten raten und reden. Und noch immer wächst nicht zusammen, was nie zusammengehört hat.

"Bildermäßig" scheint das Einigungsversprechen erfüllt. Bei der großen Rochade der Berliner Museen sind auch Repräsentationsstücke ehemaliger DDR Malerei der revidierten Deutschkunstauswahl zugeschlagen worden. Wer die Neue Nationalgalerie in diesen Tagen besucht, findet Name und Programm in geradezu idealer Abstimmung. Undeutsche Kunstumtriebe wurden weidlich magaziniert. Die Amerikaner einer Wechselausstellung (Roman Opalka) geopfert. Und die Ränder des Panoramas entschlossen germanisiert. "Rückkehr in die Heimat", Giovanni Segantinis westalpeneisige Melancholia zum Beginn. Und am Ende die dumpfen Baßstimmen aus dem Leipziger Malerchor. Heisig, Mattheuer, Tübke, Sitte, Libuda, Ebersbach. Versprengte Wessis wie Wolf Vostell oder Werner Knaupp fallen da nur noch stotternd ein.

List der Geschichte. Jahrzehntelang bannte die DDR Kunstpolitik um internationale Anerkennung. Schob und preßte ihre Stars in die Weltkunstauslagen und ließ die bundesdeutschen Hallstein Doktrinäre immer kleinlauter werden. Aber erst über der Erbteilung sollte der Einzug in die Ehrengalerie gelingen. Die einen gewöhnen sich an die Original Cola, die anderen nehmen den Rechtsabbiegerpfeil und bekommen noch ein paar nachgelassene Bilder mit. Da hängen sie nun. Manchen hängen sie zu hoch, zu prominent, zu exklusiv. Im Berliner Abgeordnetenhaus gab es ein Hearing, bei dem der empörte CDU Fraktionsvorsitzende auf seiner "Prüfungsverantwortung" bestanden haben soll. Nun hat eine Off- ™ nung der Politik zu Prüfzwecken nie viel erbracht, aber die Verantwortung interessiert uns schon, die dieses Kunstvermächtnis ins Glashaus an der Potsdamer Straße befördert hat — Seit Jahren und auch jetzt wieder liegt zum Beispiel der f4Z Kritiker Eduard Beaucamp den Westkunstbetrieblern in den Ohren, die Maler aus dem ehemaligen anderen Deutschland, vor allem aus Leipzig Heldenstadt, etwas brüderlicher an die Brust zu drücken. Mit inniger Dringlichkeit empfahl und empfiehlt er immer wieder den Blick über die Grenze, die keine mehr sein soll. Dort nämlich seien Heil und Hoffnung "Für die malerisch raffinierten Bildtechniken Heisigs, ( ) für den Manierismus und die zeichnerische Virtuosität Tübkes ( ) findet sich zur Zeit nichts Vergleichbares und damit Ranggleiches im Westen. Diese Künstler setzten leuchtende Akzente in einer an Höhepunkten nicht eben reichen jüngeren Kunstgeschichte " Lichterlos stellt sich die jüngere Kunstgeschichte dann diesseits dar. Das macht die eschatologische Erwartung ex Oriente ja auch zum Argument. Die Malerei, vor der da der Teppich ausgerollt wird, erstrahlt um so heller, je düsterer die Szene hier beschrieben wird. Erschöpfter, vernutzter Avantgardismus, Ennui und Konformität, wohin das gepeinigte Auge blickt. Und dagegen jene "eigenständige und unverwechselbare Kunst, die sich mühsam und qualvoll ihre Freiheiten und Spielräume erkämpfte".

Die Rede ist nicht von dem, was einmal "Malerei in der DDR" war. Nicht von der verschlungenen Konfliktgeschichte, in der die zulässigen Abweichungen vom Plansoll penibel vorgeschrieben und eigensinnige Kurskorrekturen mit Ausschluß aus dem realsozialistischen Kunstleben bedroht waren. Das wäre ja etwas gewesen: die Spuren nachzuzeichnen, die von Parteiräson zur Dissidenz führten und nicht wieder zurück. Und kein Würdenträger der Berliner CDU hätte sich als kunstkritischer Sittenwächter aufspielen können, wenn die Nationalgalerie ihre neue DDR Sektion mit gleicher Empfindsamkeit für Sezessionen und Oppositionen präsentierte, mit der sie auch die Geschichte der Moderne erzählt. Provokant ist schon, wie die museale Erinnerung nur die paar Malerdiplomaten kennt, die der DDR Kulturpolitik einmal Reputation und Devisen brachten. Tübke, Sitte, Heisig, Mattheuer: So erfolgreich wurde die Leipziger Quadriga, so imposant erschienen ihre angeblichen "Freiheiten und Spielräume" in den achtziger Jahren, daß sich auch das seltsame Land, aus dem sie stammten, irgendwie erwachsener, emanzipierter, großzügiger ausnahm.

Was ist das für ein Typus wohlwollender Blindheit, der einen so gescheiten Kunstbeobachter wie Eduard Beaucamp angesichts von Sittes "Leuna"Bild visionäre Energien walten sehen läßt? Da verwandelt sich ("im westlichen Kontext") die fetzige Szene vom Arbeiteraufstand anno 21 zum "pessimistischen Historienbild, das den Untergang der DDR prognostiziert". Sitte als Kassandra der DDR? Dann war Honecker wohl ihr unerkannter Nachlaßverwalter und Mielke der eigentliche Killervirus im Stasi Programm. Zwei Jahre vor Ende und Wende hat der Präsident des Verbandes der Bildenden Künstler der DDR, hat Prof. Willi Sitte der 10. Dresdener Kunstausstellung "zum Geleit" geschrieben: "Es war und """""" bleibt für die Künstler entscheidende Anregung, daß ihnen die Partei der Arbeiterklasse, der sozialistische Staat (sülz, sülz) das Gefühl und die Bewußtheit vermitteln, mit ihrer Kunst an der Löwegenden Fragen unmittelbar beteiligt zu sein ( ) In diesem Sinn ist "Leuna" Mitte der sechziger Jahre gemalt worden. Und von solcherart "Gefühl und Bewußtheit" staatstragender Malerverantwortung trieft das Bild bis heute. Ob es jetzt von Frank Stella flankiert wird und Ronald B. Kitaj, es ist, was es immer war: eine verquollene Allusion an jene Staatsmythen aus Arbeitergeschichte und Antifaschismus, mit denen das bessere Deutschland okkupiert worden ist.

Bernhard Heisig malt die "Ardennenschlacht". Hubertus Giebe einen "Widerstand - für Peter Weiss". Pietä: Nuria Quevedo gedenkt der Volksfrontopfer im spanischen Bürgerkrieg. Werner Tübke simuliert die "frühbürgerliche Revolution" mit ganzen Bataillonen frühbürgerlich kostümierter Figurinen. Kampf, Terror, Tod. Was dieses Pathos vom verfluchten Menschengeschlecht so obszön macht, das ist der lederhäutige Scheincharakter der Bilder, durch den das sozialistisch wertvolle Motiv unvermindert durchdrückt. Eben doch am Ende aller notwendigen Leiden angelangt, also auf dem einzig richtigen Weg zu sein diese pflichtschuldige Sicherheit bleibt ziemlich unerträglich. Und was einmal bildnerischer Mahnwachen Schnelldienst war, zeigt sich auch "im westlichen Kontext" resistent gegen alle Neu- und Umdeutungen. Tübkes "Lebenserinnerungen des Dr jur. Schulze", weiß Beaucamp, hätten der DDR Opposition nicht bloß als Anklage gegen Nazi Greuel gegolten. Mit gemeint und so verstanden: "die Repression des DDR Regimes". Mag sein, daß es solch verzweifelte Interpretationen gegeben hat. Des Malers kommode Nische aber zur Zelle staatskritischer Machinationen ummöblieren zu wollen nimmt sich nicht weniger kurios aus wie die Versicherung des Marinerichters Filbinger, recht eigentlich ein Widerstandskämpfer gewesen zu sein.

Tübkes Tafeln, beschreibt Beaucamp, handelten von Apokalypsen und Weltgerichten. Wohl wahr. Aber sie handeln von Apokalypsen und Weltgerichten als von fernen Restposten, grotesken Reliquien einer sozialistisch überwölbten Weltgeschichte. Keine der Gewaltchiffren, die aus Erfahrung oder Erfindung stammte. Sie sind alle aus dem Fundus. Registriert, sanktioniert, geborgt. Das ist auch der Unterschied zur kritischen Malerei der zwanziger Jahre, zu Dix und Grosz und Grundig, die immer wieder als Paten der Leipziger bemüht werden. An ihnen gemessen, ist Tübke ein eleganter Rhetoriker, der mit molluskenhafter Virtuosität seine Altmeistermittel zum Einsatz bringt. Pech, daß ihm seine Klientel nicht mehr so gläubig zuzusehen braucht und vielleicht noch nicht zynisch genug ist, das putzige Engagement Theater als gute Unterhaltung zu genießen.