45 Jahre alt, Rettungshubschrauberpilot beim ADAC in München

chrilles Piepsen, Piepsen, Piepsen. Dieser Ton bestimmt meinen ganzen Tag. Der beginnt um sechs morgens mit dem Weckerklingeln. Eine gute halbe Stunde später bin ich rasiert, geduscht und stecke in meinem orangeroten Fliegeroverall. Wenn sich das Heimfahren nicht lohnt, übernachte ich hier in unserer Harlachinger Station. Ich habe da ein kleines gemütliches Zimmer gleich neben dem Hangar, der Garage für unseren Hubschrauber.

Um halb sieben beginne ich zusammen mit dem Bordwart die Vorflugkontrolle, dabei werden alle wichtigen Funktionen am Hubschrauber durchgecheckt. Währenddessen kommt über Fax der Flugwetterbericht von der Wetterwarte am Münchener Flughafen. So gegen sieben Uhr melde ich mich dann bei der Leitstelle, das ist unsere Einsatzzentrale, startklar. Bevor es richtig losgeht, ruf’ ich zu Hause an, sag’ meinen beiden Kindern und meiner Frau guten Morgen.

Beim Frühstück in unserem Aufenthaltsraum treffe ich meine Crew: den Bordwart, der auch mein Copilot ist, den Rettungssanitäter und den Rettungsarzt. Zwischen Tee, Butterbrezen und Marmeladesemmeln ist meist noch Zeit für einen kleinen Plausch. Auch das Frühstück heute scheint ein...

Piep, piep, piep, piep, piep. Die elektronischen Alarmpiepser, die wir alle in unserer Fliegerkombi tragen, schrillen los. Von wegen gemütliches Frühstück. Ich nehme im Aufstehen einen letzten Schluck und einen letzten Bissen und laufe hinaus zum Hubschrauber, steige in das Cockpit, setze den Helm auf, gurte mich an, starte die Triebwerke. Hinter mir klettern der Sanitäter und der Arzt in die Maschine. Während der Bordmechaniker noch die Versorgungskabel zum Hubschrauber löst, erfahren wir über Funk Einsatzort und Einsatzart: Autounfall auf der A 94 bei Anzing. Knapp zwei Minuten nach dem Alarm sind wir in der Luft. Es geht in direkter Route und in zweihundert Meter Höhe zur Unfallstelle. Von oben sieht man schon, daß sich ein Auto überschlagen hat. Ich lande neben der Autobahn. Während sich der Notarzt und der Sanitäter um den Fahrer kümmern, bleibe ich an Bord. Eine Viertelstunde später starten wir Richtung Bogenhauser Krankenhaus, wo wir den Schwerverletzten einliefern. Um halb zehn sind wir dann wieder in der Station zurück. Während der Bordwart den Hubschrauber betankt, mache ich mich an die Büroarbeit: das Einsatzprotokoll ausfüllen, die Daten in den Computer eingeben, im Bordbuch die Startzeit und die Landungen...

Piep, piep, piep, piep, piep. Von wegen Büroarbeit. Hinaus zum Hubschrauber, Helm auf, angurten, Turbinen starten. Punkt neun Uhr vierundvierzig hebt die Maschine wieder ab. Diesmal geht es mit gut zweihundertfünfzig Kilometern quer über München – die Frauenkirche, der Hauptbahnhof, die Theresienwiese ziehen unter uns weg, hinüber bis kurz vor Augsburg: wieder ein Auto, das sich überschlagen hat, wieder ein Schwerverletzter. Wir bringen ihn nach Augsburg in die Unfallklinik. Von da aus fliegen wir nach Harlaching zurück. Ziemlich genau eine Stunde später sind wir da. Jetzt ist für fast eine Stunde Ruhe, ich komme also zu meiner Büroarbeit, es ist sogar zehn Minuten Zeit, in einem Buch über Waldorfschulen zu lesen. Das interessiert mich momentan besonders, weil bei meinen Kindern demnächst die Einschulung ansteht. Ich bin überhaupt eine Leseratte, Romane interessieren mich besonders.

Doch heute ist nicht viel Zeit dafür. Den nächsten Einsatz, es ist kurz nach Mittag, fliegen wir nach Feldkirchen. In einer Gaststätte hat sich ein älterer Mann verschluckt, er ist knapp vor dem Ersticken, wir kommen gerade noch rechtzeitig. Keine halbe Stunde später, der Rettungsarzt packt seine Koffer zusammen, werden wir über Funk zum nächsten Einsatz gerufen: schwerer Unfall bei Fürstenfeldbruck. Während der Hubschrauber abhebt, bekomme ich von der Leitstelle die genauen Zielangaben. Gleichzeitig sucht mein Copilot die Stelle auf einer der vielen Spezialkarten, die wir an Bord haben. Uns erwartet Schlimmes: Zwei junge Frauen, beide noch keine zwanzig Jahre alt, beide nicht angeschnallt, sind beim Überholen von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geschleudert. Der einen können wir nicht mehr helfen. Sie ist bereits tot.