Von Jurek Becker

Daß ich als jemand vor Ihnen stehe, den viele für einen deutschen Schriftsteller halten, ist die Folge einer Reihe von Zufällen. Ich bin in Polen geboren, in der unschönen Stadt Lodz, als Kind von Eltern mit, wie man sagt, jüdischem Hintergrund. Der ist, ob ich will oder nicht, somit auch mein Hintergrund. Und wenn nicht bald nach meiner Geburt die deutsche Wehrmacht gekommen wäre, wenn sie nicht das Land besetzt und meine Eltern und mich in ein Ghetto und später in verschiedene Konzentrationslager gesteckt hätte, wenn die Rote Armee nicht das Lager Sachsenhausen, wo ich zuletzt weilte, befreit hätte, dann möchte ich nicht wissen, als was und vor wem ich heute stehen würde.

Nach dem Krieg blieb mein Vater, neben mir der andere Überlebende meiner Familie, seltsamerweise in Berlin. Hätte er nicht nach Brooklyn auswandern können, wo aus mir vielleicht ein amerikanischer Schriftsteller geworden wäre? Oder nach Buenos Aires oder, was ja nicht ganz an den Haaren herbeigezogen ist, nach Tel Aviv? Aber nein, er entschied sich für die in meinen Augen exotischste aller Möglichkeiten, er blieb hier, bezog eine Wohnung wenige S-Bahnstationen vom Lagereingang entfernt und richtete es so ein, daß ich Deutscher wurde. Nicht einmal die paar lumpigen Kilometer bis nach Polen wollte er zurückgehen, wo er, wenn schon keine Verwandten mehr, so doch immerhin ein paar Freunde oder Bekannte angetroffen hätte.

Sie können mir glauben, daß ich später, als ich die ganze Tragweite der Sache begriff, meinem Vater mit Fragen das Leben schwermachte. Ich fand, daß ich ein Recht hatte zu erfahren, warum wir in der Lippehner Straße fünf in Ostberlin gelandet waren und nicht sonstwo in der Welt. Aber er schwieg sich aus, er verdrehte die Augen und ließ mich stehen, als könne er nur so meine Fragen abwehren, die in seinen Ohren wahrscheinlich wie Tadel klangen. Dabei wollte ich ihm absolut keine Vorhaltungen machen; ich wollte nur Licht in eine Angelegenheit bringen, die für mein Leben nicht eben bedeutungslos war.

Einmal, ein einziges Mal nur, ließ er sich zu einer Art Antwort herab, wenn auch zu einer ziemlich dürren, es war Mitte der fünfziger Jahre. Er lag wegen eines Magengeschwürs für Monate im Bett, und ich saß täglich stundenlang in seinem Zimmer, bereit für Handreichungen, Botengänge oder Gespräche. In solch einer Situation bleibt es nicht aus, daß man, aus Mangel an Abwechslung oder einfach aus Einfallslosigkeit, von Dingen zu reden anfängt, die zuvor als abgehakt galten.

Ich sagte zu meinem Vater, er sei mir noch eine Antwort schuldig, und er sagte: „Geht das schon wieder los?“, und ich sagte, andauernd würde ich in der Schule und im Sportverein und von allen möglichen Leuten gefragt, warum wir nicht nach Polen zurückgegangen seien (das war eine glatte Lüge, bis heute hat sich kein Mensch außer meinem Sohn danach erkundigt). Jedenfalls behauptete ich es und fügte hinzu, ich müsse auf alle solche Fragen schweigen oder mir irgendwelche Lügen ausdenken, und er sagte, es gebe nichts Schlimmeres bei Magengeschwüren als Aufregung. Aber ich ließ mich nicht so leicht abschütteln, diesmal nicht, es kam mir wie ein letzter Versuch vor. Ich sagte, er könne mich spielend loswerden, er müsse nur eines dafür tun: mir endlich verraten, warum er nach dem Krieg nicht mehr in Polen leben wollte.

Er sah mich unglücklich an, wie man Quälgeister ansieht, vor denen es kein Entrinnen gibt. Dann sagte er leise: Das kannst du dir wirklich nicht selbst beantworten? Ich schüttelte den Kopf. Und er seufzte über so viel Unverstand und sagte: Haben die polnischen Antisemiten den Krieg verloren oder die deutschen? Dann drehte er sich auf den Rücken, als wäre alles gesagt, und schloß die Augen, als hätte ihn die Auskunft bis zum äußersten erschöpft.