Im Königsgarten hinter der Prager Burg stehen die Kastanienkerzen in Hab acht Stellung, der Flieder blüht, erschöpfte Touristen ruhen sich auf den Parkbänken aus. Heerscharen von Besuchern aus aller Herren Länder schieben sich in drangvoller Enge durch den Veitsdom. Das Wachkommando, das in seinen neuen Hollywood Uniformen zum Haupteingang des Hradschin paradiert, um dort die Posten vor den beiden Schilderhäuschen abzulösen, kann sich nur mühsam den Weg durch die Menschenmenge bahnen. Prag, die Goldene Stadt, ist nach der Nacht des Kommunismus wieder dort, wo es gemäß Geschichte, Geographie und Gefühl hingehört: im Herzen Europas.

Was ist Europa? Wo ist Europa? Im Ballhaus der Burg steht Vaclav Havel am Rednerpult. Die Patriae Stiftung hat zu einer internationalen Tagung geladen: "Europa und wir". Das Staatsober- T"™" haupt der Tschechischen Republik eröffnet mit persönlichen Reminiszenzen aus der Zeit der großen Wende. Eine "poetische Zeit" nennt er sie, eine Zeit des Neuanfangs, eine Zeit, in der die mit- i reißende Kraft des Umschwungs erlaubte, schnell die Fundamente des neuen Staates zu legen: "Heute würde alles viel länger dauern "

Der Schriftsteller Präsident - drahtig, im grauen Tuch, einen winzigen Zettel mit ein paar handschriftlichen Notizen vor sich - gestattet sich einen Anflug von Nostalgie "Klar, die politischen Kräfte mußten sich polarisieren Sein Bedauern ist kaum zu überhören "Klar auch - außenpolitisch war jene Zeit von Illusionen geprägt: Alles wird einfach sein Und nun? "Nun ist der Postkommunismus zu Ende. Heute ist unser Land eine Demokratie, die es verdient, nicht einfach in den postkommunistischen Sack gesteckt zu werden " Der Alltag ist schwierig, auch in der Außenpolitik "Wie sollen wir die dräuenden Gefahren abwehren?"

Die Antwort auf diese Frage gibt beim Mittagessen in der Rudolf Galerie Ministerpräsident Vaclav Klaus: auf nach Europa! Der Zweiundfünfzigjährige, ein Nationalökonom, neben dem Ludwig Erhard fast wie ein linker Revoluzzer wirkt, ist der eigentliche Architekt des "tschechischen Wunders". Dieses Wunder läßt sich nicht leugnen: zügige Privatisierung der einstigen Staatsbetriebe, nur 3 8 Prozent Arbeitslosigkeit, zehn Prozent Inflation, ein solider Haushaltsüberschuß, eine fast konvertible Währung, mit zwei Milliarden Dollar im vergangenen Jahr die zweithöchsten Auslandsinvestitionen im ehemaligen Ostblock, nach Ungarn - das alles kann sich sehen lassen.

Allerdings: Die Arbeitslosigkeit könnte noch 1994 auf acht Prozent ansteigen; den Überlebenstest haben die privatisierten Betriebe noch vor sich; die Haltbarkeit des sozialen Netzes unter stärkerer Belastung steht ebenfalls dahin. Klaus bleibt indessen eisern bei seinem Spruch, daß er die "Marktwirtschaft ohne jedes Attribut" will nichts da mit "sozial".

"""—i Wohl ist seine Praxis milder als seine Rhetorik, denn in Wirklichkeit hält er die Mieten und die Energiepreise niedrig, schwächt die Anwendung des Konkursgesetzes ab, polstert die Liberalisiem rung der Einfuhren durch Importzölle, entschuldet staatliche Schlüsselunternehmen. Aber wenn Klaus oder sein Industrieminister Dlouhy "Wohlfahrtsstaat" sagen, dann schwingt darin - "bloß eine mildere Form des Sozialismus!" - so viel Verachtung mit, wie sie sonst allenfalls Margaret Thatcher aufbringt.

Bislang funktioniert das Wunder, und Vaclav Klaus wird denn auch nicht müde, sein Rezept anzupreisen. Es hat nach seiner unverrückbaren Überzeugung die Tschechische Republik zur "Nummer eins der Region" gemacht. Und weil dem so ist, setzt sich seine Regierung im Drang nach Europa und in die Nato nicht nur an die Spitze der Osteuropäer, sondern auch unübersehbar und unüberhörbar von ihnen ab.