Von Arno Gruen

ZÜRICH. – Mölln, Solingen, Lübeck und jetzt Magdeburg. Es ist schlimm genug, daß es Menschen gibt, die anderen Schmerzen zufügen, um sich dadurch stärker zu fühlen. Ebenso schlimm jedoch sind Menschen, die – ohne direkt mitzumachen – diesen Tätern mit Mitgefühl oder einer "Es-geht-uns-nichts-an-Haltung" beitreten. Albert Einstein sprach davon, daß die Welt nicht bedroht wird von Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.

Woher kommt es, daß wir im Täter das Opfer sehen, ihn bemitleiden? Was bringt uns dazu, uns zu wehren, den Schmerz des Opfers wahrzunehmen? Beide Haltungen lassen das Böse zu. Gerade deswegen müssen wir uns die Frage stellen: Hassen wir das Opfer derart, daß wir uns selber den Tätern ausliefern? Die Antwort ist ein klares Ja!

Wir hassen das Opfer in uns selber. Deswegen dürfen wir nicht nur kein Mitgefühl für das Opfer aufbringen, wir müssen es auch weiter peinigen oder peinigen lassen, um so unser eigenes Opfer-Sein zu bestrafen. Das ist es. Das eigene Bestrafen ist der Sinn dieses Wahnsinns. Indem wir dem Opfer dafür heimzahlen, daß es Opfer ist, lügen wir die eigene Sünde weg. Wir halten uns nämlich für schuldig, daß wir selber Opfer waren und sind! Das ist auch der Grund dafür, daß das Böse in Zeiten wirtschaftlicher Not und des politischen Chaos wächst. Solange wir uns als erfolgreich einstufen können, solange wir uns in unserem Schaffen nicht bedroht fühlen, ruht das Opfer in uns. Es erwacht, und damit erwacht auch der Haß auf uns selber, den wir loswerden müssen – wenn unser Selbstwertgefühl bedroht ist.

Wenn Eltern, Schule und die Gemeinschaft uns dafür bestrafen, daß wir einen eigenen Willen haben, beginnt dieser Prozeß. Um diesen Willen zu beugen, bringt man uns dazu, uns wertlos und schuldig zu fühlen. Schon als Kinder werden wir zu Opfern, irgendwann einmal, ganz früh. Zugleich dürfen wir das nicht zugeben, denn Opfer sein gilt als Beweis, daß wir es als Kind nicht richtig gemacht haben.

So hassen wir das Opfer in uns und deswegen die, die von den tatsächlich Bösen zum Opfer erkoren werden: die Ausländer, die Juden, die Türken, die Andersartigen, die Behinderten, einfach Menschen. So treten wir den Tätern bei und machen das Böse möglich. Wenn die Polizei in Magdeburg ein Opfer verhaftet, weil es sich wehrt, aber die Täter nicht, dann tut sie genau das, was das Böse fordert: Sie läßt es zu.

  • Arno Gruen, amerikanischer Psychoanalytiker und Buchautor, lebt in Zürich.