Sie hängen an Bäumen, sie liegen auf Schienen oder in Parks, sie treiben unterm Eis, jeden Tag", sagt der Polizeireporter der Boulevardzeitung Berliner Kurier, Stefan Fein, "so viele Tote gab es noch nie." Und sie sind sein täglich Brot. Denn wenn der Polizeifunk ruft, rennt der Reporter. Gerade eben wieder, "Weser 58", Neukölln: "Ein Stück Kohle auf Beinen", sagte die Stimme. Ein Rentner verbrannte nach einer Gasexplosion in seiner Wohnung. Mit im Auto des Reporters sitzt immer die Furcht: Vielleicht ist Emrich schon da.

Wolfgang Emrich jagt im gleichen Revier. Und er hat mehr Unterstützung. Sie sind zu fünft in der Abteilung Tod und Verwesung bei der Berliner Bild-Zeitung. Nur der Druck ist der gleiche. "Ich wünsche niemandem etwas Schlimmes, nur weil es Auflage bringt", sagt Emrich, "aber wenn es passiert, darf ich es nicht verpassen." Zerschmetterte, Überfahrene, Vergiftete, Erhängte, Erschossene und Ertrunkene, je aufsehenerregender das Ende, desto prächtiger die Inschrift auf Seite eins.

Besonders im Frühjahr dieses Jahres. Schlag auf Schlag. Bluttat auf Bluttat. Ein Frauenkopf vor der Kirche, Vatermord mit dem Schwert, ein aus dem Fenster geworfenes Kind, ein mit Plastiktüten ersticktes Ehepaar. Und plötzlich wurden die Morde auf den Titelseiten in großen Ziffern durchnumeriert. Berlin war "Mordhauptstadt".

"Das ist eine zynische und makabre Hochrechnung", protestiert Kriminaloberrat Horst Brandt, Chef des Berliner Morddezernats. "Sie suggeriert, daß wir in einer grausigen Stadt leben." Doch ungefähr 100 Tötungsdelikte bei einer Einwohnerzahl von 3,5 Millionen, "das ist doch, verglichen mit Moskau oder New York, keine Zahl." Tatsächlich kommen in Washington D.C. auf 100 000 Einwohner achtzig Morde, in Berlin sind es vier. Brandt sieht keinen Grund, die acht Mordkommissionen aufzustocken. "Unser Job ist nicht schlimmer geworden."

Schlimmer geworden ist es auf dem Zeitungsmarkt in Berlin. Mehrere Blätter kämpfen ums Überleben. Und Polizeireporter sehen das Leben von der finalen Seite. Ein verzerrter Ausschnitt des Großstadtlebens wird aufgeblasen zum Trend. "Im Prenzlauer Berg sitzt das Messer locker, da braucht man eine Bleihaut", sagt Stefan Fein vom Berliner Kurier. Für ihn ist Berlin auf dem Weg zu einer richtigen Metropole, wie London, Rom oder New York. "Nach ein paar Tagen kann ich mir die Namen der Toten schon gar nicht mehr merken", sagt er und schiebt die Ärmel hoch.

Eugen Weschke, Dozent für Kriminologie an der Berliner Hochschule für Verwaltung und Rechtspflege, glaubt seinen Daten mehr als den Zeitungen. Vor dem ergrauten Kriminologen liegen Stapel gebundener Zahlenkolonnen, hinter denen sich die menschlichen Katastrophen der Stadt verbergen: vier Jahrzehnte Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Raub und Diebstahl. "Diese Kurven", sagt Weschke, "zeigen deutlich, daß sich bei vorsätzlichen Tötungsdelikten seit zwanzig, ja seit vierzig Jahren keine signifikanten Veränderungen ergeben haben."

Wer sich nach den guten alten Zeiten sehnt, für den hat er auch eine Zahl: Knapp 300 Morde allein von August bis Dezember 1945. Nur im Westsektor. "Phasen der Orientierungslosigkeit sind Phasen hoher Kriminalität", sagt Weschke. Die aktuelle Zunahme von Körperverletzungen deutet er als Aggressionsdelikte in einer verwirrenden Übergangsphase. "Weder die Ost- noch die Westberliner haben eine Vorstellung davon, wie Gesamtberlin aussehen soll. Das ist ein psychologisches Phänomen. Dazu kommen die sozialen Probleme."