Von Marita Pletter

Mayka Jirku denkt gern an ihre Schulzeit während der achtziger Jahre in Telč zurück. Die Dreiundzwanzigjährige, aufgewachsen im südmährischen Dorf Bochovice, im waldreichen, nördlichen Hinterland zwischen Náměšt und Třebič, besuchte damals die Mittelschule, die im ehemaligen Jesuitenkolleg gegenüber dem Wasserschloß Quartier bezogen hatte. Es sind Erinnerungen an eine vom damaligen kommunistischen Regime eher nachlässig observierte, katholisch-konservativ geprägte Stadt mit nicht mehr als 6000 Einwohnern und einer so bedeutenden Architektur, daß Telč von der Unesco 1992 in den Rang eines Weltkulturdenkmals erhoben wurde.

Seit der Grenzöffnung vor vier Jahren zieht es jährlich 100 000 Besucher in dieses tschechische Städtchen, das noch heute einen matten Abglanz seiner Blütezeit während des 16. Jahrhunderts erkennen läßt: Österreicher, Deutsche, Italiener, Franzosen, vereinzelt auch einmal Amerikaner. In Scharen sieht man die Ausflügler über das Kopfsteinpflaster des langgezogenen Marktplatzes schlendern, voller Bewunderung für die pastellfarbenen Bürgerhäuser aus der Renaissance- und Barockzeit, die ihn zu beiden Seiten flankieren. Daß hier auch italienische Baumeister am Werk waren, lassen die Arkadenreihen der Laubengänge erkennen, die ebenerdig die Häuserzeilen miteinander verbinden.

Die Fremden besichtigen das Renaissanceschloß mit der Burganlage, das bis 1945 dem nach Österreich vertriebenen Grafen Lichtenstein-Podstatzky gehörte, sie bleiben vor dem Brunnen mit der Statue der heiligen Margarethe stehen und vor der Mariensäule im Nordosten des Marktplatzes. Eine reiche Bürgerin ließ sie 1720 direkt vor ihrem Haus errichten – für 4000 Gulden. Ein gehöriger Batzen Geld, gemessen daran, daß die prächtigen Häuser rund um den großen Platz damals nur 500 Gulden gekostet haben.

Auch während der kommunistischen Ära war dieses kunsthistorisch bedeutende Ensemble gepflegt und erhalten worden. Doch die Restaurationsarbeiten zielten mehr auf eine repräsentative Optik. "Damals", wie es heute heißt, brachten nämlich auch die Busse von Intourist ein- bis zweimal die Woche russische Touristen nach Telč. Wenn es jedoch um künstlerische Akribie und den tatsächlichen Erhalt des architektonischen Erbes – vor allem bei Kirchen und Kapellen – ging, war das private Engagement der Bürger und Kirchenmänner entscheidend.

In den Sommermonaten können die Besucher von Telč in Pferdekutschen Spazierfahrten durch die Stadt unternehmen, denn dann gilt für Autos das strikte Verbot, auf dem Marktplatz zu parken. Gelingt es einem Fahrer aber dennoch, seinen Wagen durch das enge Obere Tor bei der Heilig-Geist-Kirche (der einzigen evangelischen) zu zwängen und vor dem "Adler", dem ersten und einzigen Hotel am Platz, vorzufahren, nützt ihm das wenig. Denn sofort kommt der Geschäftsführer herausgeschossen, um den motorisierten Eindringling zu verscheuchen.

Das in Jahrhunderten gewachsene Stadtbild von Telč wurde mehrfach als authentische Kulisse für Spielfilme genutzt, für tschechische Produktionen, aber auch für eine deutsche "Woyzeck"-Verfilmung mit Klaus Kinski. Bei so viel Beachtung avancierte Telö allmählich zu einer Art Vorzeigestadt, und diese Rolle spielt es, wenngleich auf veränderte Weise, jetzt weiter. Diese neue Form der Selbstdarstellung hat jedoch weniger mit den Bedürfnissen der Bewohner zu tun, als daß sie auf die Konsumwünsche von Touristen spekuliert.