Von Ulrich Stock

Wie geht man ins Museum? Doch offenen Auges, gespannt auf das, was sich im Moment des Betretens verändert. Draußen die vertraute Welt, drinnen ihre überraschende Reflektion. Ein letzter prüfender Blick also auf die Spalenvorstadt, auf jene Basler Straße, die das Museum für Gestaltung beherbergt:

Die Straßenbahn, der man soeben entstiegen ist, hat sich als grüner, schlanker Wurm schon um die nächste Ecke verdrückt. Über der Haltestelle verharrt das Raster längs- und quergespannter Drähte. Der Himmel dahinter ist trübe, aus ihm stürzen feine Tröpfchen ins Gesicht des Beobachters oder schlagen Kreise in eine der vielen Pfützen. Die Leute haben bunte Regenschirme aufgespannt, die meisten eilen achtlos am Museum vorbei. Eine Frau ist direkt gegenüber stehengeblieben, dreht dem Museum allerdings den Rücken zu, um die Auslage des Café Sutter zu mustern. "Mandelgipfeli" sind zittrig mit Kreide auf Schiefer als "Aktion" annonciert. Das regenschwarze Pflaster zu Füßen der Frau ist weiß gesprenkelt. Hier spucken die Leute, die auf die Straßenbahn warten, ihre Kaugummis aus.

Viel zu sehen gibt es vor dem Basler Museum für Gestaltung also nicht.

Aber im Basler Museum für Gestaltung ist gar nichts zu sehen.

Oder, besser gesagt, fast nichts: Denn man hat ja Augen im Kopf, die – obschon sie mühelos zu schließen wären – immerfort Ausschau halten. Gierig nach Farbe und Schrift durchstreifen sie drei Räume und finden siebzehn mannshohe, hölzerne Kisten auf grauem Boden. Schlichte, zwei mal zwei mal zwei Meter messende Kuben aus Faserplatte. Das ist die Ausstellung.

Der Katalog, auf den sich der Blick hilfesuchend richtet, besteht in der Hauptsache aus zwei glänzenden Compact Discs. Nicht ein Bild darin. Und im knappen Vorwort bekommt der Betrachter schwarz auf weiß noch eins aufs Auge: "Nur wer nichts sieht, hört wirklich hin."