Von Heinz Jose Herbort

Im Herbst 1954 erschien im Turiner Verlag Giulio Einaudi ein erschütternder Dokumentarband: "Lettere di condannati a morte della resistenza europea – Briefe von zum Tode Verurteilten aus dem europäischen Widerstand" (deutsch mit einem mystisch-lyrisch verquasten Titel als "Und die Flamme soll euch nicht versengen"; Steinberg, Zürich, 1955). Thomas Mann erkannte darin, wie er in seinem Vorwort formulierte, den "Glauben, die Hoffnung, die Opferwilligkeit einer europäischen Jugend, die, den schönen Namen der ‚résistance‘ trug.., die aber mehr wollte als nur Widerstand leisten, sondern sich empfand als die Avantgarde einer besseren menschlichen Gesellschaft".

Luigi Nono, der bereits in seinem Opus eins – "Kanonische Variationen über die Reihe in op. 41 (,Ein Überlebender aus Warschau’) von Arnold Schönberg", 1950 – hatte erkennen lassen, daß der nach-webernsche Serialismus für ihn zwar in ein autonom musikalisches Kunstwerk münden könne, dies aber niemals bekenntnisfrei sein werde; Luigi Nono, der 1952 in die PCI eingetreten war, dies freilich als Konsequenz eines Bewußtseins, das sich schon früh am aktiven Widerstand gegen Mussolinis Diktatur orientiert hatte und das als Kernbegriff die umanità, die Menschlichkeit sah – Luigi Nono entnahm 1955 den "Lettere" zehn Fragmente, die seinen eigenen Blick auf die umanitä umschrieben. Natürlich auch Heldisches: "... für das Vaterland", "... weil ich Patriot bin". Aber dann schon laute wie stille Schreie der Trauer "Wenn der Himmel Papier und alle Meere der Welt Tinte wären, ich könnte euch mein Leid nicht beschreiben", schließt ein 14jähriger Bauernjunge aus Polen, "ich sage allen Lebewohl und weine." Ein 40jähriger Schriftsetzer aus Italien: "Ich bleibe ruhig und gefaßt – sind auch jene so ruhig, die uns verurteilt haben?" Vor allem aber diese Vision jener besseren menschlichen Gesellschaft: "Ich sterbe für eine Welt, die strahlen wird mit so starkem Licht, mit einer solchen Schönheit", schreibt ein 26jähriger bulgarischer Lehrer. Und Elli Voigt, eine 32jährige deutsche Arbeiterin verabschiedet sich: "Ich gehe im Glauben an ein besseres Leben für euch."

"Il canto sospeso" betitelte Luigi Nono 1956 seine Kantate, die diese Texte verwendet: der schwebende, aber auch der unterbrochene, der suspendierte Gesang. Zwei Traditionen melden sich darin: zum einen die mittelalterliche Polyphonie von Machaut bis Palestrina und Monteverdi, also das kompositorische Denken in Linien, die sich kontrapunktisch ergänzen; zum anderen die auf alle Parameter der musikalischen Vorgänge ausgedehnte Reihentechnik des Seriellen. Der ersten folgte der Venezianer Nono, indem er die bereits als Fragmente übernommenen Texte noch einmal zu Worten oder gar nur Silben splittete und die so gewonnenen Elemente über die Stimmen versprengte, die nun den Text zwar sukzessive, aber über den ganzen Klangkörper und damit im Raum verteilt wiedergeben.

Die serielle Struktur des Werkes zum zweiten hat schon früh die Analytiker zu akribischen Statistiken und minuziösen Diagrammen verleitet. Natürlich ist die Kenntnis all der Reihen-Prozeduren, der Ableitung vor allem von Tondauer und Lautstärke aus der "interpolierten chromatischen Tonleiter" (das heißt dem im Wechsel vollzogenen Auf- und Abstieg von a aus: a-b-as-h-g-c-ges...), nicht entscheidend für die Rezeption des Werkes – die Interpretation kommt an ihr nicht vorbei.

Am 9. und 10. Dezember 1992 führte Claudio Abbado Nonos "Canto sospeso" in der Philharmonie auf – drei Jahre nach dem Fall der Mauer, aber auch nur wenige Wochen nach Mölln. Deutschland, hieß es damals in einer eindringlichen Stellungnahme des Berliner Philharmonischen Orchesters im Programmheft, "ist erneut Schauplatz sich ausbreitenden und schrecklich manifestierenden Hasses gegen .Fremde’: Mitbürger aus anderen Ländern, Angehörige anderer Kulturen, Religionen oder Lebensweisen... Deshalb appellieren wir heute an die kritische Wachsamkeit aller, um das erneute Aufkeimen eines verhängnisvollen Ungeistes abzuwenden." Noch nicht eineinhalb Jahre später wissen wir, wohin die Entwicklung inzwischen lief, in Lübeck und Magdeburg wie in Vincenza, und wie es um die kritische Wachsamkeit bestellt ist – bei uns, wo Leerformeln von Politikern die Unbetroffenheit verschleiern und Innenminister die Polizei-Versager decken, wie in Luigi Nonos Heimat, wo zwar die Verfassung verbaliter den Antifaschismus zum Prinzip erhebt, aber inzwischen fünf Minister einer neofaschistischen Partei angehören.

Die Konzerte in der Berliner Philharmonie wurden damals mitgeschnitten, die CD liegt seit dem vorigen Herbst vor (Sony Classical 53 360). Die Konzerte wurden aber auch auf Videoband aufgezeichnet. Peter Wehage zeichnet verantwortlich für die Regie eines Films, in dem diese Konzert-Aufnahmen unterschnitten wurden mit Szenen aus Konzentrationslagern und Goya-Zeichnungen, mit historischen Wochenschauen vom Angriffskrieg der Wehrmacht und Picassos "Guernica", mit Vogelperspektiven zerstörter Städte und Zeichnungen naiver Kindheits-Utopie. Die Dialektik zweier Realitäten also ist zu sehen – eine gut brechtische Methode.