Von Walter Jens

Wir erinnern uns: Die letzten Jahre der Weimarer Republik. Militante Rechte wittern Morgenluft, Ausbürgerungslisten für den Tag X machen die Runde, in Blättern, die sich national nennen, wird zum großen Halali geblasen: In Staub mit allen Feinden des neuen Deutschlands!

In dieser Situation gaben die Süddeutschen Monatshefte, neben anderen Publizisten, auch einem fünfunddreißigjährigen Schriftsteller Gelegenheit, sich zum Thema "Nationalismus und Judentum" zu äußern – einem Mann, der das Wesen des Nationalismus durch "ein neues Verhältnis zum Elementaren, zum Mutterboden, dessen Krume durch das Feuer der Materialschlachten wieder aufgesprengt und durch Ströme von Blut befruchtet ist" definiert sah.

Der Name des Autors, eines dezidierten Gegners der "Parteiengesellschaft" demokratischer Prägung und Anwalt jenes Frontsoldatentums, das dazu berufen sei, dem kommenden Führer den Weg zu bahnen: Ernst Jünger. Er war es, der sich anno 1930 mit den folgenden, nie zurückgenommenen Sätzen zu Wort meldete: "Im gleichen Maße, (...) in dem der deutsche Wille an Schärfe und Gestalt gewinnt, wird für den Juden auch der leiseste Wahn, Deutscher sein zu können, unvollziehbarer werden, und er wird sich vor seiner letzten Alternative sehen, die da lautet: In Deutschland Jude zu sein oder nicht zu sein." Das sind Sätze, denke ich, die, wären sie unter der Devise "Das hätte ich nicht schreiben dürfen" jemals revidiert worden (spätestens nach dem Holocaust), allenfalls eine beiläufige Zitierung verdienten. Aber so, wie sie nun dastehen, in ihrer apodiktischen Setzung, wollen sie gerade heute nachdrücklich erinnert sein, da die militante Rechte von einst sich durch ihre Epigonen mehr und mehr verklärt sieht – mit Hilfe einfühlsamer Rechtfertigung der auf einem rüden Feind-Freund-Modell beruhenden Thesen.

In dieser Situation, wäre zu erwarten, müßten Demokraten alles ihnen Mögliche tun, um der Gegenüberstellung von Deutschen und Ausländern, der Kerntruppe und den Außenseitern, den Heimischen und den Fremden, Paroli zu bieten. Doch gerade das ist nicht der Fall, wie wenig, das zeigen jene Äußerungen Roman Herzogs zur Ausländerfrage, die geeignet sind, Steffen Heitmanns Mahnen heraufzubeschwören: Kaum benennt die CDU einen Präsidentschaftskandidaten, da redet der sich auch schon um Kopf und Kragen – und das sowohl durch martialische Parolen wie durch unscharfe, widersprüchliche, zu vieldeutigem Verstehen einladende Thesen.

Wer in herausgehobener Position zur Ausländerfrage Stellung nimmt, dürfte weder "jein" sagen (doppelte Staatsbürgerschaft: gut! Aber, bitte sehr, nur in Ausnahmefällen) noch zu gleicher Zeit die Drohkeule schwingen: Jeder, der nach genügender, ihm gewährter Bedenkzeit nicht Deutscher sein wolle, möge sich gefälligst wieder in jenes Land begeben, das er offensichtlich als seine Heimat betrachte. "Wir erwarten von ihm Rückkehr": Imperative bleiben auch in paternaler Gewandung Befehle. ("Ich erwarte von dir eine Entschuldigung": das ist eine Drohformel.)

Entweder – oder heißt die Devise einer Verlautbarung, deren Echo zu Recht laut und nachhallend war. Freilich, laut ist eins, und folgenreich ist ein anderes. Wäre die Äußerung nicht so kurz vor der Wahl gekommen – O-Ton Graf Lambsdorff –, dann hätte sie eine schwere Koalitionskrise ausgelöst. Wie? Hören wir recht? Es gäbe Äußerungen, die jenseits eines bestimmten Zeitpunkts ohne Konsequenz sind? Im Mai 1994 müsse über jene "ziemlich unerhörten Vorgänge" (noch einmal Otto Graf Lambsdorff) der Mantel der Liebe gedeckt werden, die ein halbes Jahr vorher folgenreich gewesen wären? Ja, richten sich Torheiten und deren Bewertung denn nach dem Datum?