Am 25. September 1940 überquert Walter Benjamin mit einer kleinen Gruppe von Flüchtlingen die Pyrenäen. Der herzkranke Philosoph muß streckenweise den Berg heraufgeschleppt werden; die schwere schwarze Aktentasche, in der sich ein Manuskript befindet, um das er mehr bangt als um Leib und Leben, läßt er keine Sekunde aus den Augen. Der Weg führt vom französischen Banyuls aus über einen unwegsamen alten Schmugglerpfad zum spanischen Grenznest Portbou, von wo aus Benjamin, versehen mit einem Visum für die USA, nach Lissabon Weiterreisen will. Die Nacht hat er allein in den Bergen verbracht; er weigerte sich, nach einem Erkundungsgang am Abend zuvor, noch einmal umzukehren. Auf der Flucht vor der Gestapo hat der jüdische Philosoph nur noch zwei Dinge zu verlieren: sein Manuskript und seine Contenance "Die Welt gerät aus den Fugen", schreibt seine Fluchthelferin Lisa Fittko in ihren Memoiren, "aber Benjamins Höflichkeit ist unerschütterlich Er nannte sie "gnädige Frau", sie ihn "den alten Benjamin". Er war 48 Jahre alt.

Sie brauchen mehr als neun Stunden für eine Strecke, die normalerweise drei beansprucht hätte. Benjamin muß alle zehn Minuten rasten. Endlich in Portbou angelangt, verweigert die spanische Grenzpplizei die Einreise: Über Nacht ist aus Madrid eine neue Verordnung eingetroffen; man verlangt nun nicht nur spanische Transitpapiere, sondern auch ein französisches Ausreisevisum. Am nächsten Tag sollen die Flüchtlinge wieder nach Frankreich abgeschoben werden der Gestapo in die Arme. Benjamin hat eine Dosis Morphium dabei, "die ein Pferd umbringen könnte". In der Nacht zum 26. September begeht er im "Hotel de Francia" Selbstmord "Über einen Toten erst recht", hat er geschrieben, "hat niemand mehr Gewalt "

Fünf Zitronensprudel, vier Telephongespräche, Einkleiden der Leiche, Weißen der Wände, Bedienung, Steuermarken, Wohlfahrtsabgabe inbegriffen: So sieht die Rechnung aus, die das Hotel dem Toten am 1. Oktober 1940 aufstellt. Der "heute verstorbene Benjamin Walter", der schon längst unter der Erde liegt, kommt auch post mortem noch für Schulden auf, die er nicht gemacht hat: vier Tage Hotelzimmer, Renovierung inklusive; "insgesamt Peseten 166 95". Der Restbetrag des Vermögens, das man in der Aktentasche des "ausländischen Reisenden" fand, beläuft sich, nachdem für "den Herrn Gerichtssekretär" noch einmal "ZEHN PESETEN abgezogen" wurden, auf einen Nettobetrag von "ZWEIHUNDERTDREIUNDSECHZIG PESETEN mit SECHZIG CENTIMOS". So ordnet an und unterschreibt es der Herr Stadtrichter. Das Ende war Kleinkrämerei. In Großbuchstaben.

Es war nicht das Ende der Kleinkariertheit im Falle Benjamin. Sie ging in Großbuchstaben weiter "Fast eine Million für eine Gedenkplatte", schimpfte die 5W Zeitung am 12. Februar 1992, und die Neue Illustrierte Revue wähnte Außenminister Genscher unter "Deutschlands schlimmsten Steuerverschwendern". Der Stein des Anstoßes: das auf 980 000 Mark veranschlagte "Passagen"Projekt des israelischen Künstlers Dani Karavan, der dem jüdischen Kulturtheoretiker in Portbou ein Denkmal setzen sollte. Die Anregung dafür ging vom Bundespräsidenten aus, der Auftrag war erteilt.

Nachdem der Bundesrechnungshof, dem Wink vom Boulevard folgend, den Haushaltsausschuß anhielt, die zum "Millionenprojekt" aufgeblähte "Grabpflegemaßnahme" zu stoppen, ließ auch das Auswärtige Amt auf Druck der Bonner Buchhalter vermelden, es sei nicht zu verantworten, "eine Million in einen abgelegenen Ort mit sehr geringem Nutzwert" zu stecken. Das Denkmal, dessen Grundstein schon gelegt war, wurde kurzerhand gekippt.

Im letzten Herbst erklärten sich schließlich die Bundesländer, die katalanische Regierung und die Gemeinde von Portbou sowie private Financiers bereit, das vom Arbeitskreis selbständiger Kulturinstitute (AsKI) hartnäckig betreute Projekt gemeinsam zu übernehmen. Letzten Sonntag sind Karavans "Passagen" nun mit einem Festakt der Öffentlichkeit übergeben worden. Ehrengast: die 84 Jahre alte, heute in Chicago lebende Lisa Fittko, die Benjamin über die Pyrenäen führte. Zwei- bis dreimal pro Woche hat sie seinerzeit in dem von der Gestapo und Grenzpolizisten observierten Gebiet an der Spitze eines Flüchtlingstrecks den Weg über die Berge gemacht. Heute wundert sich die alte Dame, daß sie ein Stück deutscher Exilgeschichte schrieb. Damals, sagt sie, "zählte nur die nackte Gegenwart".

"Der Friedhof geht auf die kleine Bucht, direkt auf das Mittelmeer; er ist in Terrassen in Stein gehauen. Es ist bei weitem eine der phantastischsten und schönsten Stellen, die ich je in meinem Leben gesehen", schrieb Hannah Arendt, als sie ein paar Monate nach Benjamins Tod sein Grab suchte "Es war nicht zu finden, nirgends stand sein Name Seit 1979 steht sein Name auf einer weißen Tafel an der Friedhofsmauer: A Walter Benjamin. Filosöf Alemany. Berlin 1892 Portbou 1942. Auf dem Friedhof ist dem deutschen Flüchtling, der in einem Sammelgrab verschwand, ein Gedenkstein gesetzt worden. Das Benjamin Zitat, das den Stein schmückt, darf auch als Kommentar zur Verhinderungsgeschichte seiner Ehrung verstanden werden "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein " Nun hat Dani Karavan, selbst ein Nomade im Sinne Benjamins, in diesem Trauerspiel doch noch einen würdigen Schlußakt gesetzt. Sein eindrucksvolles "Passagen" Werk, drei eiserne Treppeninstallationen am Friedhof von Portbou, ist dem Benjaminschen Leitmotiv des Transitorischen verschrieben. Es ist auf prägnante Punkte des Ortes hin ausgerichtet: das Meer, die Berge, das alte Zollhaus, in dem Benjamins Schicksal entschieden wurde, und den riesigen Bahnhof, dessen monumentale Architektur die Kirche aus dem Zentrum des Dorfes gedrängt hat.