Tito wieder da? Unlängst wurde er in den Straßen Belgrads gesehen. Oben im Stadtteil Dedinje zuerst, als er eine Limousine bestieg. Später dann ging er zu Fuß bis zum Kalemegdan, der alten Festung über dem Zusammenfluß von Donau und Save. Der Mantel hing ihm wie so oft lässig über die Marschallsuniform, dikkes Gold blitzte von der Schirmmütze, dunkle Sonnengläser bedeckten die Augen.

Die Leute liefen zusammen, belustigt und staunend oder verwirrt und wie erstarrt bei diesem unerwarteten Anblick: eine plötzliche Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Manche spuckten wütend aufs Trottoir, andere tanzten und sangen, nostalgisch oder im Spott, das Kultlied des Titoismus: "Druze Tito, mi ti se kunemo, ("Genösse Tito, wir haben uns dir verschworen"). Den Milizionären, die den "Genossen" gegen den Wirbel auf der Straße abzuschirmen suchten, möchte der Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht ganz klar gewesen sein.

Ein Film wurde Ereignis schon beim Drehen. Der Dokumentarfilmer Zelimir Zilnik hatte einen Schauspieler in die Marschallsuniform gesteckt und dann seinen Tito mit den Leuten reden lassen. Die nahmen kein Blatt vor den Mund "Zu deiner Zeit gabs nur einen Tito", sagt ein Mann im Film, "jetzt gibts fünfundfünfzig. Du hast ein bißchen eingesteckt, aber die Titos von heute stehlen uns alles Im Kinosaal Lachen und beifälliges Gemurmel. Ein anderer Passant empfiehlt dem Tito Mimen, er solle doch seine Leute mit in den Himmel nehmen "Alle?" fragt "Tito", dessen leutselig autoritären Stil der Schauspieler Dragoljub Ljubcic verblüffend echt kopiert. Darauf der Mann: "Nicht alle, nur alle deine Nachfolger. Aber sieh zu, daß keiner zurückkommt "

Der Krieg kommt in den ungestellten Filmdialogen wiederholt zur Sprache. Ein junger Mann versucht verzweifelt, "Tito" zu erklären, daß dieser Krieg um die Kontrolle über einige Berge geführt werde. Wem denn die Berge ursprünglich gehörten, will "Tito" wissen, den Serben oder den Moslems? "Das ist ja das schlimme", sagt der junge Mann, "ehe man weiß, wer der Besitzer war, werden alle tot sein "

Zwischen die Dialoge hat der Regisseur Archivmaterial eingeblendet, Bilder aus jener scheinbar fernen Zeit, in der Tito Staatsmänner aus Ost wie West und aus den blockfreien Ländern empfing und Jugoslawien eine strategische Größe im Kalten Krieg war. Da schlägt der gegenwärtige Zustknd um so mein aufsGeMüt f; Djlr Film hatte kürh ln v i:; Premieie , Zilnik sagt, er habe ihn gemacfiiriönäie Serben mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren: Sie sollen darüber nachdenken, was herauskommt, wenn man den Führern - erst Königen, dann Tito, jetzt Milosevic - blindlings folgt. Und wegen des Bosnienkriegs: Denn das sei der Krieg der Tito Nachfolger; sie hätten, mit Hilfe totaler Medienkontrolle das Volk in den Wahnsinn gehetzt.

Der Film reißt Tabus ein. Tito war zuletzt ein Tabu. Zwar hatten sich anfangs, nach seinem Tode, die Diadochen in der Berufung auf den Meister nicht genug tun können, allen voran der serbische KP Führer Slobodan Milosevic, später aber gaben sie Tito zum Abschuß frei. Der Film nimmt darauf Bezug. Als "Tito" entdeckt, daß die Belgrader "Marsala Tita" jetzt "Straße der Serbischen Herrscher" heißt, stellt er gekränkt die Frage, ob er denn nicht auch ein serbischer Herrscher gewesen sei. Nein, er war es eben nicht. Mit der Verfassung von 1974, die den Albanern im Kosovo und den Magyaren in der Vojvodina Autonomie bescherte, habe Tito Serbien zerstückeln wollen, lautet der Vorwurf. Nie wurde ihm, dem gebürtigen Kroaten, verziehen, daß er die nationalen Emotionen der Serben genauso kurzhielt wie die der anderen Völker.

Im Wochenmagazin NIN zog Zelimir Zilnik eine vorsichtig optimistische Bilanz aus seinen Erfahrungen mit den Tito Auftritten "Wir haben die Bereitschaft zur Ironie und zur Verulkung bemerkt, die Bereitschaft, jene Mythomanie abzulegen, die offenkundig für uns Serben charakteristisch ist. Das läßt hoffen", sagt er in NIN. "Vielleicht sind wir ja auf dem Wege zu einer Ernüchterung, zur Ernüchterung nicht nur gegenüber unserer euphorischen Bereitwilligkeit, den Machthabern zu folgen, sondern auch gegenüber unserem eigenen Narzißmus "