Von Katharina Rutschky

Seit Anfang der siebziger Jahre schrieb Pasolini an einem Metaroman und Megatext, dessen schiere Ambition und schicksalhafte Bedeutung für ihn selbst er in Gesprächen mit Freunden und Journalisten nicht ohne Koketterie andeutete: "Ich habe ein Buch begonnen, das mich über Jahre hinweg an sich bindet, vielleicht für den Rest meines Lebens. Ich möchte nicht darüber sprechen. Es genügt, wenn man weiß, daß es eine Art,Summa’ aller meiner Erfahrungen, aller meiner Erinnerungen ist."

Er selbst veranschlagte den Umfang dieser "Summa" auf 2000 Seiten; der italienische Herausgeber des "Petrolio" betitelten Torsos schätzt, daß nur ein Viertel des intendierten Werks heute vor uns liegt, so daß – den Umfang der deutschen Übersetzung von Moshe Kahn hochgerechnet – wir auch die Zahl 3000 für wahrscheinlich halten können. Ja, warum nicht noch mehr, warum überhaupt an Grenzen denken bei einem Projekt, das sich bei näherem Hinsehen ebensogut als Fluchtversuch denn als Bilanz verstehen läßt? Ungeachtet aller von Pasolini immer neu ins Spiel gebrachter literarischer Travestien, unterspült "Petrolio" jene nützliche Mauer, die selbst noch autobiographisches Schreiben als fiktiv kenntlich macht. Wie jeder Pasolini-Fan im Selbstversuch erkennen kann, lösen sich Schreiben und Leben ineinander auf, zum Schaden beider. Was auf Leser und Interpreten wartet, ist bestimmt keine "Summa", sondern ein durch seine vitale Unleserlichkeit und ideelle Unerschöpflichkeit folterndes Werk persönlicher und ästhetischer Endzeit. Solche Unternehmen müßten eigentlich beizeiten aufgegeben werden, oder sie werden zur Qual, die der Autor nur zusammen mit seinem Leben loswerden kann.

Die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts kennt eine Reihe beeindruckend gescheiterter und in ihrer ruinenhaften Unfertigkeit provozierender Werke, von denen Musils "Mann ohne Eigenschaften" Pasolinis "Petrolio" vielleicht am nächsten steht. Beiden ist die Fixierung auf Endzeit gemeinsam, die Idee, darüber das letzte (oder erste) Buch der Bücher vorzulegen und für diese Hybris mit der unheilvollen Verkettung von Text und Biographie bezahlen zu müssen. Musil und der "Mann ohne Eigenschaften" endeten im gefürchteten writer’s block des gelähmten Autors, der Tag für Tag ergebnislos an seinem Schreibtisch saß, und schließlich mit dem bürgerlichen Tod im Krankenbett. Das Ende von Pasolini und "Petrolio" war so ziemlich das Gegenteil einer Lähmung. Es ist damals nicht bloß von seinen Feinden, sondern auch von seinen Freunden bemerkt worden, daß seine Ermordung durch einen siebzehnjährigen Strichjungen im November 1975 eigentümlich "pasolinisch" anmutet.

Welche Gestalt wollte Pasolini seinem Projekt geben? Natürlich führt kein Weg zurück in die Vergangenheit jugendlicher Poesie und realistischer Psychologie, wie sie in "Amado mio" (entstanden in den vierziger Jahren, posthum veröffentlicht) oder im "Traum von einer Sache" (1962) noch möglich waren; aber auch nicht zum pathetischen Neorealismus von "Ragazzi di vita" oder "Vita violenta" (1955 und 1959). Auf den ersten Blick mag es scheinen, als ob Pasolini, dem Avantgardismus in jeder Form fremd war, sich plötzlich doch zu Kunstgriffen bekehrt habe. Keine echten Personen und Motive, keine Kausalitäten und Chronologien; vorgesehen waren Textsorten aller Art, auch in unübersetzten Fremdsprachen, sogar auf Japanisch.

Auf den zweiten Blick bemerkt man, daß die komplizierte Form einem klaren Zweck dient: den Untergang einer Welt, in der es noch Unschuld, Schönheit und Hoffnung gab, zu verzögern. Wer Pasolinis "Freibeuterschriften" und "Lutherbriefe" kennt, wird deren eigentümlich aggressiven Konservatismus in "Petrolio" noch um etliches verschärft und unverhüllter wiederfinden.

In einer langen Passage, die einerseits einer langen Kamerafahrt nachgeschrieben ist, andererseits sich an Dantes Wanderung durch die Hölle anlehnt, heißt der junge Mann, der die Figur des Dichters vertritt, schlicht Merda, also Scheiße. Mit seiner Freundin im Arm durchschreitet er fünfzehn Höllenkreise und fünf Höllengräben – kein Purgatorio läßt hoffen, und das Paradies fällt aus. Abgesehen von religiös-mythologischen Künsteleien in jedem Höllenkreis, führt Pasolini den Leser durch ein Panoptikum, in dem die vom sogenannten Interklassismus entstellten Menschen der Unterschicht böse vorgeführt werden. Lange Haare, Handgelenktäschchen und Jeans werden zum Zeichen des Verrats auch der Armen, die ihre uralte Würde um das Zugeständnis von ein bißchen Konsum weggeworfen haben. Die durchgehende Misanthropie und Misogynie wird vielleicht manches kultur- und kapitalismuskritische Vorurteil zugunsten dieses Autors als gründliches Mißverständnis entlarven und der Versuchung entgegenarbeiten, den Autor von "Petrolio" in der gegenwärtigen Krise Italiens zum prophetischen Zeugen zu stilisieren. Eine Rolle, für die er aufgrund des Märtyrertodes nach den Dogmen der Kunstreligion geradezu prädestiniert ist.