Der Name der Fabrik weist in die Zukunft. Was Prinz Claus der Niederlande Mitte April nach dem Thronfolger auf Willem-Alexander Centrale taufte, ist ein Kraftwerk der neuen Generation. Zum ersten Male wird hier Steinkohle in industriellem Maßstab vergast und anschließend in Strom umgewandelt – mit einem Wirkungsgrad von 43 Prozent. Das heißt: Die Kohle wird um zehn bis fünfzehn Prozent besser ausgenutzt als in einem herkömmlichen Steinkohlekraftwerk.

Für die Experten der Royal Dutch Shell-Gruppe, die vor mehr als zwanzig Jahren mit der Entwicklung eines Verfahrens zur Kohlevergasung begonnen haben, ist das erst der Anfang. Die nächste Anlage, so glauben sie, wird einen Wirkungsgrad von 46 bis 47 Prozent haben, 50 Prozent scheinen erreichbar. In jedem Fall heißt das: weniger Kohle je Kilowattstunde Strom, weniger Schadstoffe, weniger Kohlendioxid (CO2) und damit weniger Gefahren für das Klima.

Was im holländischen Buggenum bei Roermond so gut funktioniert, will 40 Kilometer südwestlich nicht so recht klappen. Da bemüht sich der RWE-Konzern, Braunkohle zunächst zu vergasen und dann aus dem Gas Strom zu machen. KoBra – Kombikraftwerk mit integrierter Braunkohlevergasung – heißt das Verfahren, das den Wirkungsgrad auch für die Braunkohle auf stolze 45 Prozent erhöhen soll. Aber, so ein Shell-Mann, "KoBra kommt nicht so recht in die Schuhe". In der Tat gibt es, wie Dietmar Kuhnt – der Vorstandsvorsitzende der RWE Energie – Ende April zugab, "erhebliche technische und damit ökonomische und ökologische Unsicherheiten".

Der ursprüngliche Zeitplan – Genehmigungsantrag im Frühjahr 1993, Inbetriebnahme Ende 1996 – ist nicht mehr einzuhalten. Damit steckt das RWE in der Klemme, hatte man doch der Landesregierung in Düsseldorf eine erhebliche Senkung des CO2-Ausstoßes fest versprochen. Das ist Bestandteil eines Deals zwischen dem Unternehmen und der Regierung Rau, der die Zukunft der rheinischen Braunkohle retten soll. Die RWE-Tochter Rheinbraun will einen neuen Tagebau mit Namen Garzweiler II aufschließen, um die Versorgung der RWE-Kraftwerke bis weit in das nächste Jahrtausend hinein zu sichern.

Gegen diesen Plan laufen die Bürger der Region Sturm. Sie wehren sich vehement dagegen, daß ihre Dörfer den Braunkohlebaggern weichen sollen und die Umwelt Schaden nimmt. Aber obwohl es weit mehr als 10 000 Einsprüche gibt, gilt das Wohlwollen der Landesregierung den Plänen des RWE-Konzerns. Immerhin garantieren Förderung und Verbrennung der Kohle direkt und indirekt 40 000 Arbeitsplätze im rheinischen Revier.

Um der Bevölkerung das nicht gerade populäre Ja zu Garzweiler II besser verkaufen zu können, möchte die Regierung gleichzeitig einen Sprung nach vorn bei der CO2-Bekämpfung präsentieren können. Aber das KoBra-Kraftwerk taugt dafür nicht mehr, weil der Zeitplan nicht einzuhalten ist. "Deshalb hat die Landesregierung", so Kuhnt, "nahegelegt, über ein anderes Konzept nachzudenken." Das war schnell gefunden und hört auf den Namen BoA – Braunkohlenkraftwerk mit optimierter Anlagentechnik.

1999 soll ein BoA-Kraftwerk mit einer Leistung von 900 Megawatt (MW) ans Netz gehen und sechs alte Blöcke mit je 150 MW Leistung ersetzen. Weil der Wirkungsgrad der BoA-Anlage 40 bis 42 Prozent betragen wird, die Altanlagen aber mit Wirkungsgraden von nur gut dreißig Prozent arbeiten, soll der Ausstoß von CO2 um jährlich zwei Millionen Tonnen sinken – ein Erfolg, den die Landesregierung dann als Ergebnis ihres werbenden Drängens preisen kann. Dabei ist BoA keineswegs eine technische Novität. Die Anlage ähnelt vielmehr denen, die in Boxberg in der Lausitz gebaut werden sollen. Doch der schnelle Erfolg hat seinen Preis. Das RWE arbeitet nämlich am KoBra-Konzept weiter. Dies mit dem Ziel – so RWE-Vorstand Werner Hlubek "KoBra zur zukünftig bestverfügbaren Technik zu machen". Wenn aber KoBra kommt, dann ist BoA nur zweite Wahl. Ein Ko-Bra-Kraftwerk mit ebenfalls 900 MW Leistung würde nämlich eine Million Tonnen CO2 weniger ausstoßen als die BoA-Anlage.

BoA wird aber – weil dann nagelneu – von KoBra nicht verdrängt werden. Mindestens dreißig Jahre lang wird die Anlage laufen und in dieser Zeit dreißig Millionen Tonnen Co2 mehr produzieren als ein vergleichbares KoBra-Kraftwerk. Dagegenrechnen muß man den Zeitgewinn durch BoA. Aber erst dann, wenn KoBra noch fünfzehn Jahre lang auf sich warten ließe, wäre BoA eine gleich gute Lösung. Die Ungeduld der Politiker, die das RWE zum Schnellschuß gezwungen hat, schadet der Umwelt, obwohl sie ihr auf den ersten Blick zu nutzen scheint. Heinz-Günter Kemmer