Südwest 3, Dienstag, 24. Mai, 21.15 Uhr: "Bambule" von Ulrike Meinhof

Apo, wa? raunzt der Schaffner, als das junge Mädchen ihn anrempelt. Sie hat es eilig, ist aus dem Heim abgehauen. Er drückt Wechselgeld aus der kleinen Kasse, die er vor dem Bauch trägt (waren das Zeiten!). Zwanzig Pfennige kostet der Busfahrschein, ein Bier bloß achtzig. In der Eckkneipe steht eine Jukebox mit mollbesoffenen Oldies drin ("Massachusetts"!), auch aus dem Radio im Aufenthaltsraum des Mädchenheims schnulzen die Bee Gees. Sogar das musikalische Leitmotiv des Films klingt nestwarm und vertraut. Eines der Mädchen pfeift es, im Gegenlicht den langen, leeren Gang herunterschlendernd: "Komm, wir machen eine kleine Reise", a sentimental journey.

"Bambule" ist in erster Linie ein Mythos, den schon viel zu viele Leute leergeredet haben, ohne ihn zu kennen. Die Erstsendung, vorgesehen für den 24. Mai 1970, war kurzfristig abgesetzt worden, weil die Drehbuchautorin zehn Tage zuvor untergetaucht war und polizeilich gesucht wurde – wegen Verdachts der Beteiligung an der Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader. Die ARD unterwarf sich exemplarisch freiwilliger Selbstzensur, fortan blieb der Film beim SWF unter Verschluß. Nach fast einem Vierteljahrhundert wird er nun gesendet, weil er nach Ansicht der Verantwortlichen zu einem "Dokument der Zeitgeschichte" geworden ist, einem harmlosen Museumsstück, vom Zahn der Zeit persönlich entschärft.

Museal in der Tat die klassische Schwarzweißdialektik dieses Films, die einfachen, schnurgeraden Fronten: hie die Gerechten (also die Jungen: Schüler, Studenten und Heimkinder), da die Ungerechten (also die Alten: Erzieher, Busschaffner, Eltern). Gerührt erinnert man sich an die revolutionäre Sprengkraft, die damals noch einer Zigarette innewohnte. Wenn die Mädchen im Schlafsaal die letzte Packung aufteilen, hastige Hände in Nahaufnahme kleine weiße Stäbchen weiterreichen; wenn der Freundin eine angebrochene Schachtel in den Bunker geschmuggelt wird; wenn sie stumm und hungrig pafft, mit spitzen Fingern das letzte herausholt aus der Kippe, wird der Glimmstengel zum Signal der Verschwörung. Die Guten qualmen, die Bösen verhängen Rauchverbot. "Zwangsmittel im Heim", schrieb Ulrike Meinhof in der Vorbemerkung zum Drehbuch, "das sind: Bunker, Ausgangssperre, Taschengeldentzug, Zigarettenentzug."

Dies ist ein Dokumentar-Spielfilm: halb Fiktion, halb Feature. Teils spielen junge Schauspielerinnen, teils Mädchen aus dem Fürsorgeheim Eichenhof, in dem die Geschichte tatsächlich stattgefunden hat. Die Härte in den Augen ist echt, das Mißtrauen um die Münder herum, die kleinen Hilflosigkeiten, die Jagd nach Liebe. Der legendäre Streit zwischen Ulrike Meinhof und Regisseur Eberhard Itzenplitz, darüber, wie wirklich Wahrheit im Film sein darf und wie künstlich die Vision, hat eine intensive Spur in dieser Arbeit hinterlassen, die immer noch zu spüren ist. Der Film glüht. "Ick fühlet, heut passiert wat", sagt das Mädchen, das sich am Anfang einen gepfiffen hat. Sie sagt es so lange, bis etwas passiert.

Eleonore Büning