Klaus Naumann ist nicht nur Generalinspekteur und damit der führende Soldat der Bundeswehr, er ist auch einer ihrer führenden Köpfe, ein aufgeklärter Konservativer mit Sinn für Formen, zugleich ein politischer Macher mit dem Wunsch nach Wirkung. Wenn er, ausgerechnet im selben Monat, in dem sein Minister das jüngste Bundeswehr-Weißbuch vorlegt, mit einem eigenen Produkt auf den Markt tritt, hat offenbar der Macher über den Konservativen gesiegt. Ein Stilbruch ist es allemal, er hätte einem Generalinspekteur nicht passieren dürfen.

Aber die Versuchung, sich einmal nicht nur im Bulletin der Bundesregierung, sondern in einem richtigen Buch der breiten Öffentlichkeit mitzuteilen, ist für diesen General, der stets ein Mann von Vision und Mission war, wohl unwiderstehlich gewesen. Ein richtiges Buch – eine gedankenreiche, durchargumentierte Auseinandersetzung um die richtige deutsche Sicherheitspolitik – ist daraus nicht geworden. Der General hatte nie die Zeit, hat sie sich auch nicht genommen. So ist am Ende eine Ansammlung früherer Reden und Rede-Entwürfe mit einer starken Dosis Weißbuch-Lyrik herausgekommen: nicht unintelligent, nicht uninformativ, aber auch nicht umwerfend – ein Quickie eben.

Dennoch leuchtet durch das Grau der bürokratischen Sprache und der lieblosen Zitate ein Überzeugungsstrahl hindurch. Deutschland, und damit die Bundeswehr, insistiert Naumann, müsse eine aktive Rolle für den Erhalt internationaler Ordnung spielen. "Wir müssen bereit sein, mit anderen gemeinsam zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und Risiken zu teilen."

Er will keinen deutschen Sonderweg, schon gar kein nationales Großmachtgehabe. Nur durch ihren Beitrag zum westlichen Bündnis sei die Bundesrepublik zur Politik, nur zusammen mit anderen zum Handeln fähig. Die Arena für dieses Handeln werde allerdings immer größer. Gestern lag sie in der Mitte Europas, heute erstrecken sich die neuen Herausforderungen "latenter und sich immer wieder verlagernder Krisenherde" in die Welt hinaus und verlangen "eine Erweiterung der Verantwortung der Nato und Europas" wie auch eine entsprechende Ausweitung der Einsatzoptionen für die Bundeswehr.

Das sei nicht nur moralisch und sicherheitspolitisch angebracht, sondern ein Gebot deutscher Außenpolitik überhaupt. "Der Beistand [anderer für die Sicherheit Deutschlands] setzt voraus, ... daß man einen eigenen Beitrag leistet, und die Größe dieses Beitrages bestimmt unter anderem, welchen Einfluß man hat."

Klaus Naumann – das macht ihn für die einen (wie für den Rezensenten) sympathisch, für die anderen suspekt – ist kein Mitläufer, kein Zuschauer, und er will auch Deutschland nicht in dieser Rolle sehen. Es geht ihm um ein Deutschland, das nicht nur von den Sicherheitsvorkehrungen anderer profitiert, sondern selbst beim Bau gemeinsamer Sicherheit zupackt. Es ist eine ehrenwerte Position, die ernst zu nehmen und nicht zu verteufeln auch ihre Gegner ehrt.

Dieser General hätte ein besseres Buch schreiben können, wenn er die fünf Jahre bis zu seiner Pensionierung gewartet hätte. Aber dem Verlag ging es weniger um Qualität als um Prominenz, und Naumann, dem Ehrgeizigen und Drängenden, ging es um schnelle Wirkung. Dem Leser bleibt nur, sich mit den wenigen Stärken des Buches über seine vielen Schwächen hinwegzutrösten. Christoph Bertram