Von Arne Daniels

Der Kanzler kam und auch der Kanzlerkandidat, Bundespräsident und Parlamentspräsidentin, Wirtschaftsführer und Ministerpräsidenten – allerlei Prominenz versammelte sich am Montag dieser Woche in Recklinghausen, um einen zu Grabe zu tragen, dessen Name eigentlich erst durch seinen Tod bundesweit bekannt wurde: Heinz-Werner Meyer, der in seinen vier Jahren als Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wohl mehr nach innen als nach außen gewirkt hatte.

Der Aufmarsch der ersten Garde der Republik für den weithin Unbekannten symbolisiert das Mißverhältnis von Anspruch und Wirklichkeit beim DGB. In der Schulbuchversion des bundesdeutschen Gesellschaftsgefüges nimmt der Gewerkschaftsbund noch immer eine herausragende Stellung ein: Organisation von mehr als zehn Millionen Arbeitnehmern, Gegenmacht im kapitalistischen System, Fürsprecher der Benachteiligten, Erbhalter einer der traditions- und erfolgreichsten Arbeiterbewegungen der Welt.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der DGB freilich längst zu einem Interessenverband unter vielen abgestiegen. Die großen Einzelgewerkschaften haben ihren Dachverband ungeniert an den Rand gedrängt; zugleich hat ihre Krise aber auch den DGB voll erwischt: Der Verlust von 700 000 Mitgliedern allein im vergangenen Jahr dokumentiert die schwindende Bindungskraft der Gewerkschaftsbewegung und zerrt an Selbstverständnis und Finanzkraft der Organisation.

Nach dem Desaster bei Neuer Heimat und co op war das Scheitern der Gemeinwirtschaft offensichtlich, und auch politisch hat der DGB nicht mehr viel zu melden: Weil die deutschen Einheitsgewerkschaften, anders als etwa in Frankreich, nicht nach politischem Programm strukturiert sind, ging auch das politische Mandat des DGB selten über sozial- und gewerkschaftspolitische Themen hinaus. Seit gesellschaftliche Reformen kaum noch auf der Tagungsordnung standen, machte sich in der Düsseldorfer DGB-Zentrale mitunter Sprachlosigkeit breit.

Den Laden wieder flott machen soll nun ein Mann, mit dessen Namen bislang bestenfalls Eingeweihte etwas anfangen können. Dieter Schulte heißt er und ist Vorstandsmitglied der IG Metall. Kaum war Meyer am 9. Mai einem Herzinfarkt erlegen, meldete die mächtige Metallergewerkschaft mit bemerkenswerter Chuzpe ihren Anspruch auf das Spitzenamt an. Als sich nach der Trauerfeier für Meyer die Gewerkschaftsvorsitzenden zusammensetzten, um über einen Nachfolger zu beraten, zog gleich zu Beginn IG-Metall-Chef Klaus Zwickel seinen Überraschungskandidaten Schulte aus dem Hut.

Nun murren kleinere Gewerkschaften, denen die Dominanz der Metaller schon lange auf die Nerven geht. "Instinktlos" sei der Durchmarsch der IG Metall. Doch die Gegenwehr in der vorentscheidenden Montagssitzung war allenfalls symbolisch. ÖTV-Chefin Monika Wulf-Mathies wurde, berichtet ein Teilnehmer, zur Kandidatur gedrängt – obwohl jedermann weiß, daß sie das Amt nicht will. Die Vorsitzenden der IG Medien, der GEW und der Gewerkschaft Holz und Kunststoff warben für die umstrittene Ursula Engelen-Kefer, Meyers Stellvertreterin – und hatten vorsorglich darauf verzichtet, sie überhaupt nach ihrer Bereitschaft zu fragen. Als offizielle Kandidatin kam sie, die als einzige aus ihrem Anspruch auf den DGB-Vorsitz kaum einen Hehl gemacht hat, deshalb nicht in Frage. Gegen den erklärten Widerstand von IG Metall und IG Chemie läßt sich die agile Sozialpolitikerin ohnehin nicht durchsetzen.