Von Alexander Burkhardt

Im späten Mittelalter, als Handwerker und Kaufleute sich allmählich zu einer eigenständigen sozialen Schicht entwickelten, der merkantile Geist die Städte erfaßte, Politik und Ökonomie über den engen Bereich der Stadtmauern hinausgriffen, der Fernhandel das Weltbild der Menschen zu verändern begann und das überlieferte Lehnsystem den Erfordernissen der Zeit nicht mehr gerecht wurde, änderten sich auch die Formen der kriegerischen Auseinandersetzungen: Treue gegen Schutz verwandelte sich in Treue gegen Geld.

Diesen Prozeß, seine politischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen untersucht Reinhard Baumann am Beispiel der ersten europäischen Krieger, die ausschließlich gegen Sold für ihren Herrn kämpften: den Landsknechten. Besonderes Augenmerk richtet er dabei auf die Binnenstrukturen dieser neuen gesellschaftlichen Klasse, ihre Organisationsformen und auf das beinah modern anmutende Selbstbewußtsein, das die Landsknechte im Laufe der Jahrzehnte entwickelten. Er begreift sie nicht als Erscheinungsform einer zu Ende gehenden Ritterzeit, sondern als spätmittelalterliche beziehungsweise frühzeitliche Söldner und entkleidet sie somit jeder Romantisierung. Zu Recht weist er darauf hin, daß Söldner bereits im hohen Mittelalter die Kriegführung wesentlich bestimmten, ohne jedoch die Ständegesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern. Die Söldner wurden in die Lehnsordnung sowohl gesellschaftlich als auch militärisch integriert. Dies sollte sich erst ändern, als diese Ordnung selbst in Bewegung geriet.

Die ersten, die ganz auf das Soldwesen umstellten, waren die Schweizer und Bündner. Verursacht, zumindest aber begünstigt wurde dieser Prozeß durch einen Wandel der Landwirtschaft: Ackerbau wurde weitgehend durch Viehzucht abgelöst, was den Männern erlaubte, sich für längere Zeit von Haus und Hof zu entfernen, da man Melken und Hüten ohne weiteres auch Frauen und Kindern überlassen konnte. Charakteristisch für die Schweizer war ihr genossenschaftlich organisiertes Mitspracherecht. Baumann spricht von einem der wenigen Beispiele für demokratisch organisiertes Militär in der Weltgeschichte. Dieses antihierarchische Modell wurde auch für die deutschen Landsknechte bestimmendes Organisationsprinzip.

Kriegsherren der Landsknechte waren die Fürsten und Könige Europas, die Reichsstädte, der Kaiser und die italienischen Stadtrepubliken. War einmal die Entscheidung zum Krieg gefallen, setzte sich ein Mechanismus in Gang, an dessen Anfang der Auftrag zur Anwerbung stand. Dieser erging an einen Söldnerunternehmer, der nur bedingt mit dem italienischen Condottiere jener Zeit vergleichbar ist, da er im Gegensatz zu diesem den Lehns- und Vasallenverpflichtungen des Reiches unterstand, obgleich auch er schon auf eigene Rechnung arbeitete. Der Werbeauftrag wurde in Form des sogenannten Bestellbriefes erteilt, der exakt Dauer, Umfang und Honorierung des "Unternehmens" aufführte. Die Funktion dieses Bestellbriefes bestand darin, den Unternehmer unter Vertrag zu nehmen, ihn der Treue gegenüber seinem Kriegsherrn zu verpflichten, aber auch dem Söldnerunternehmer seinerseits eine Legitimation gegenüber seinen Obristen und Hauptleuten zu verleihen. Das hohe Maß an Verrechtlichung erweist den Bestellbrief als modernen Geschäftsakt, seine häufig kunstvoll formulierten Wendungen mit ihren Treueschwüren lassen seine Herkunft aus mittelalterlichen Gefolgschaftstraditionen erkennen. Er war somit Bindeglied zwischen alter und neuer Zeit, Ausdruck eines sich verändernden Kriegswesens, das ohne die gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzungen so nicht möglich gewesen wäre.

Die konkreten Modalitäten der Anwerbung erinnern an Tarifverhandlungen unserer Tage. Neben den Mitspracherechten genoß der Landsknecht beziehungsweise der, der es werden wollte, auch die freie Entscheidung darüber, für wen er in den Krieg ziehen wollte. Dieses "Reislauf" (von mittelhochdeutsch reise: Aufbruch, Unternehmen, Heerfahrt) genannte System ging den Kriegsherrn oft zu weit. Sie versuchten, mit Restriktionen, aber auch mit Appellen an Nationalbewußtsein und Heimatgefühl, sich "ihrer" Knechte zu versichern. Dies konnte aber aufgrund der enorm variablen Bündnispolitik, dem ständig steigenden Bedarf an Soldaten, fehlender Kontrollinstanzen und nicht zuletzt wegen der individuellen Interessen der Landsknechte nicht gelingen.

Neben aller Eigensucht war die "Gemein" der Knechte eine wohlorganisierte Gemeinschaft, die eine regelrechte Gewerkschaft darstellte, mit der nicht zu spaßen war. Wenn nämlich alles Reden nichts nutzte, kam es zu sogenannten Zusammenrottungen, an deren Ende nicht selten ein Streik oder eine Meuterei stand.