Von Frank Thomsen

Medienleute machen Schlagzeilen. Das ist normal, doch in dieser Woche sind sie wieder mal selbst das Thema. Dafür sorgt der Medienkonzern Bertelsmann mit einem großangelegten Revirement an der Spitze, das bei näherem Hinsehen zeigt: Der Kampf um Leser und Zuschauer wird härter.

Im Vordergrund stehen bekannte Namen. Werner Funk – vom Spiegel 1991 nach hausinternem Streit geschaßter Chefredakteur und zur Zeit in derselben Position beim Gruner + Jahr-Magazin Geo sowie Verlagsgeschäftsführer der Geo-Gruppe (Geo, Saison, Sports) – soll innerhalb des Hamburger Verlagshauses an die Spitze des Flaggschiffs stern wechseln. Dort räumt Rolf Schmidt-Holtz seinen Schreibtisch als Chefredakteur und Vorstandsmitglied und übernimmt bei der G + J-Mutter Bertelsmann den neu geschaffenen Bereich TV und Film Europa. Das Gütersloher Medienunternehmen spart den Vorstandsposten für elektronische Medien ein, indem er dieses Feld mit der Music Group zur Produktlinie Entertainment verbindet. Der dadurch arbeitslos werdende Manfred Lahnstein nimmt im Aufsichtsrat Platz. Hier scheidet der einstige Bundesbankchef Karl-Otto Pöhl aus Altersgründen aus.

Doch das Stühlerücken erscheint nur oberflächlich als muntere Managerversion des Kindergeburtstagspiels "Reise nach Jerusalem". Hinter den Kulissen geht es um mehr: Obwohl Bertelsmann Ende Juni voraussichtlich das erfolgreichste Geschäftsjahr seiner Geschichte mit einem Umsatz von achtzehn Milliarden Mark abschließt, gibt es Probleme sowohl bei den elektronischen Medien als auch bei den Zeitschriften. Der Flop des Infosenders Vox hat nicht nur am Image gekratzt, sondern auch finanzielle "Schleifspuren", wie sich Vorstandschef Mark Wössner ausdrückte, in Höhe von einigen hundert Millionen Mark hinterlassen. Die seit längerem angekündigte neue Konzernstruktur – an die Stelle von sieben Unternehmensbereichen treten die vier Produktlinien Buch, Industrie, Entertainment und Gruner + Jahr (Presse) – verhilft dem für das Desaster Hauptverantwortlichen, Manfred Lahnstein, nun zu einem eleganten Abgang in den Aufsichtsrat. Doch auch eine andere Lesart scheint plausibel: Für die Anfangsphase des Privatfernsehens in der Bundesrepublik seit Mitte der achtziger Jahre waren die politischen Kontakte des ehemaligen Bundesfinanzministers Lahnstein ein unschätzbare! Wettbewerbsvorteil für das Haus Bertelsmann, das bei RTL, RTL 2 und Premiere mitmischt. Jetzt sind neue Perspektiven gefragt – vor allem im Zukunftsmarkt Pay TV.

Hier soll von Juli an Rolf Schmidt-Holtz, früher Fernseh-Chefredakteur beim Westdeutschen Rundfunk, sein Geschick beweisen. Auch für Schmidt-Holtz kommt die neue Bertelsmann-Struktur wie gerufen: Die Zusammenarbeit des stern-Machers mit dem Gruner + Jahr-Chef und Bertelsmann-Vize Gerd Schulte-Hillen gilt als getrübt, seit dieser von September an eine neue Info-Illustrierte mit dem Arbeitstitel Tango "neben und unter dem stern" etablieren will. Klares Ziel: Auflage machen; notfalls auch gegen den stern, der zuletzt zwar relativ stabil bei 13 Millionen Exemplaren lag, dafür aber 1993 etwa jede zwölfte Anzeigenseite einbüßte. Die Rezession, das Fernsehen und immer neue Titel setzen dem Magazin-Verlag zu, Der kühle Kostenrechner Schulte-Hillen an der Spitze reagiert; erfolgreiche Blätter sollen die Ladenhüter nicht mehr mit durchschleppen. So wird Anfang Juni das gerade in Sports Life umbenannte Sportmagazin als Medienservice GmbH ausgelagert. Als Profitcenter muß das Blatt sich nun gegen das Konkurrenzprodukt Fit for fun aus dem Milchstraßenverlag behaupten. Und Werner Funk wird zur Doppelspitze des stern: Als Chefredakteur für den redaktionellen, als Geschäftsführer für den wirtschaftlichen Erfolg des Renommierblattes verantwortlich, das er sich "aufregender, attraktiver" vorstellen kann. Da wurden bei der Betriebsversammlung am Dienstag nachmittag denn auch schon Sorgen hörbar, daß angesichts solcher Machtfülle die redaktionelle Freiheit des stern leiden könnte.