So geht es, wenn man ein "Internationales Festival für neues Musiktheater" plant. Hans Werner Henzes immer wichtiger werdende "Biennale" in München kündigt die Uraufführung zweier neuer Stücke der Choreographin Verena Weiss an. Als wir uns in die "Black Box" von Münchens Festspiel-Zentrum Gasteig vortasten, erfahren wir, daß sich die Zahl der Uraufführungen um eine vermehrt hat. Gut so. Bei einem Labor-Versuch musikalisch-szenisch-choreographischer Art muß alles möglich sein.

So heiter grotesk das Mittelstück ist, eine ironische Variation über die Mode-Künstlerin Coco Chanel, so sehr bleiben die beiden Tanzstücke, die diesen Mittelteil einrahmen, der ernsten Kunst dieser Tänzerin/Choreographin verbunden: Es geht, wie stets bei der 1957 in Stuttgart geborenen Frau um Leben und Sterben, Altern und Tod.

Darauf verweist schon der Titel der Stücke, die Anfang und Ende des Solo-Abends bilden: "November I" (zu Fragmenten der Musik des 1960 geborenen argentinischen Komponisten Osvaldo Golijov) und "November II", ganz ohne Musik. "Da man bei der Biennale zwei Wochen lang Musik gehört hat, ist jetzt vielleicht die innere Musik eines jeden Zuschauers wichtig", erklärt die aus Hamburg vertriebene Künstlerin. Dort konnte die (asiatische Meditationstechniken ihrer Darstellungskunst nutzbar machende) Künstlerin im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses die drei Solostücke vorstellen, die sie zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen des modernen Tanztheaters gemacht haben! "Der Mann im Pantherfell" (1991), "Mata Hari" (1992), "Nach Sachalin" (auf Motive aus Tschechows Erzählungen, 1993).

Als alter Jude mit Bart und Schläfenlocken tritt Verena Weiss zu Beginn und Ende ihres Solos auf. Am Anfang des pausenlosen Abends liest sie in einem Buch. In gleicher Maske sammelt sie am Ende armlange Stöckchen – eines Lebens-, eines Totenbaums? Die Ästchen werden zur Maske, zu klappernden Gebeinen eines Toten-Rituals. Verwirrend genug: Die Frau, die in Männer-Maske tanzt, verwandelt sich in eine Frau mit langem Zopf und breitet den Emigranten-Mantel zum Kreuz der Verfolgten aller Zeiten aus.

Neu in der Kunst dieser Tänzerin ist eine humoristisch-groteske Leichtigkeit, wie wir sie im Zentrum des Solo-Abends kennenlernen, "Coco’s Last Collection", zur witzigen, heftig rhythmisierten Musik der 1957 in Taschkent geborenen Komponistin Elena Kats-Chernin, mit der Verena Weiss schon ihr letztes Stück zusammengearbeitet hat. Zur Musik für zwei Klaviere (Angela Gassenhuber, Moritz Eggert) skizziert Verena Weiss ein parodistisches Stück auf die mit (Geburts-, Leichentüchern hantierende Coco Chanel, die am Schluß einen weißen Schleier um sich zieht, dessen falsche Perlen und Kunst-Edelsteine ihr Gesicht zur Totenmaske machen. R.M.