Von Martin Klingst und Christian Pfeiffer

Im Hamburger Stadtteil St. Pauli wird ein Sechzehnjähriger erstochen, in einem See eine erdrosselte Frau gefunden und aus einem Nebenfluß der Elbe die Leiche eines Polen gezogen. Die Kripo hebt ein getarntes Bordell aus. Die Polizei warnt die Besitzer von Luxuskarossen vor der osteuropäischen Mafia. Gesucht: Zeugen für Taschendiebstähle im Altonaer Bahnhof.

Die Nachrichten von einem Tag im Monat Mai, aus einer Stadt, in einer Zeitung. Auch anderswo in Deutschland machen Verbrechen immer häufiger Schlagzeilen, fast überall. In Bielefeld zünden fünf Jungen ein Ausländerwohnheim an; in Süddeutschland entreißen Halbstarke einer Rentnerin die Handtasche, treten und schlagen sie, "aus Wut darüber, daß sie nur zwanzig Mark dabeihatte"; und in Berlin begehrt ein Lehrer Polizeischutz, weil er sich nicht mehr allein in die Schule traut.

"Immer mehr Morde in Deutschland", titelt die Bild- Zeitung, und der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Hermann Lutz, alarmiert: Mord und Totschlag hätten in den alten Bundesländern um ein Sechstel zugenommen. Für ihn gibt es nur eine Konsequenz: mehr Polizisten.

Die einst wohlgeordnete Welt der Bundesrepublik scheint aus den Fugen. Im Bundeskriminalamt in Wiesbaden versammeln sich hochrangige Polizeibeamte und sprechen von einer "Explosion des Verbrechens". Sie warnen vor "amerikanischen Verhältnissen", und immer mehr Menschen fürchten, bald selber zum Opfer zu werden.

Ende dieses Monats wird Bundesinnenminister Manfred Kanther die Polizeiliche Kriminalstatistik 1993 vorstellen. Vergangenen Dienstag meldete er bei einem Kolloquium der Konrad-Adenauer-Stiftung in St. Augustin vorab einen "bedrohlichen" Anstieg der Straftaten in Deutschland: von 6,3 auf 6,7 Millionen. Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung sei "in erheblichem Maße beeinträchtigt".

Wird wirklich alles schlimmer? Die Daten vermitteln ein anderes Bild. Zwar ist die Zahl der polizeilich registrierten Straftaten in den alten Bundesländern im vergangenen Jahr um 140 000 Fälle auf 5,35 Millionen gestiegen, doch der Zuwachs von 2,7 Prozent beruht fast allein auf Bagatelldelikten: Schwarzfahrten, Ladendiebstähle unter hundert Mark, Verstöße gegen das Asyl- und Ausländergesetz sowie, damit zusammenhängend, Urkundenfälschungen. Zieht man diese Delikte ab, reduziert sich die Zunahme der Kriminalität auf 0,3 Prozent. Berücksichtigt man, daß auch die Bevölkerung gewachsen ist, ergibt sich pro 100 000 Menschen sogar ein Rückgang von 0,9 Prozent.