DIE ZWEI KULTUREN

Vom wirklich vereinten Europa sind wir noch weit entfernt. Nicht nur in Form des Nationalismus erlebt die Nation ihre Wiedergeburt. Das vereinte Deutschland steht in einer schweren Bewährungsprobe: Es muß noch auf längere Zeit ein "normaler" europäischer Nationalstaat sein. Aber wieder einmal fällt uns die Normalität besonders schwer.

Eine selbsternannte Neue Rechte begibt sich erneut auf einen Sonderweg und plädiert für eine Überprüfung der deutschen Westbindungen. Als ob das schreckliche 20. Jahrhundert noch an seinem Anfang stünde, werden die "Ideen von 1914" den Ideen von 1789 entgegengesetzt. Zugleich passiert, was in Deutschland in ideologischen Auseinandersetzungen immer noch an der Tagesordnung ist: Entrüstung tritt an die Stelle von Polemik und Kritik. Die Neue Rechte, die ansonsten kaum beachtet worden wäre und die bestenfalls die Redefiguren eines Carl Schmitt nachzuahmen versucht, ohne auch nur an einer Stelle seine Kraft der argumentativen Verstörung zu erreichen, wird unter moralische Kuratel gestellt. Sollten wir, anstatt über Redeverbote nachzudenken, nicht lieber kühl fragen, welcher Sonderweg hier eigentlich propagiert wird?

Was soll das heißen: Überprüfen der Westbindung? Gibt es ein neues Rapallo, das für uns Deutsche näher als Brüssel liegt? Sollen wir uns statt mit der Nato mit einer zerfallenden Roten Armee verbünden oder uns – wir sprechen ja alle die Sprache Voltaires – mit den Franzosen gegen das CNN-Imperium zusammentun? Wollen wir die Tschechen und die Polen zwingen, die Geschichte der deutschen Ostkolonisation schleunigst zu vergessen, damit der Traum von Mitteleuropa erneut unter gesamtdeutschem Protektorat Wirklichkeit wird? Sollen wir die Marktwirtschaft aufgeben? Spüren wir, eine Mehrheit unseres Volkes sei die Demokratie westlicher Prägung bereits leid und sehne sich nach einem Reichsverweser und begrüße die Wiederkehr des Ständestaates?

Der Vorschlag, unsere Westbindung zu überprüfen, ist absurd – erst recht nach 1989. Hinzu kommt: Es gibt dazu auch im Osten keine Alternative. Ich erinnere mich an den ersten Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Jószef Antall in Deutschland. Er hielt eine eindrucksvolle Rede in Bonn, und ich habe damals die Kernbegriffe, die darin vorkamen, gezählt: Von Mitteleuropa redete Antall dreimal, etwa fünfmal tauchte Europa in seiner Rede auf, der häufigste Begriff aber, über ein dutzendmal gebraucht, hieß: Atlantik.

Auch der Osten Europas will zum Westen werden. In dieser Situation über eine Lockerung unserer Westbindungen nachzudenken wäre politischer Selbstmord. Wir würden uns dem Westen entfremden, ohne dem Osten sympathisch zu werden. Das deutsche Einzelgängertum, unsere aggressionsverdeckende Neigung zu melancholiefördernder Einsamkeit – sie hat früher die Völker Europas verschreckt. Heute wirkt sie lächerlich. Der Fall der Berliner Mauer – zu dem die Deutschen selbst wenig beigetragen haben – hat deutsche Schreibtischstrategen erneut zu geopolitischen Träumereien verführt: Das geeinte Deutschland soll sich, wieder einmal, als das kulturkritische Gewissen der westlichen Zivilisation aufspielen. Dies ist der Nährboden, auf dem stets die deutsche Überheblichkeit wuchs.

Deutschland wird in Europa aber trotz seiner geographischen Ausdehnung, seiner großen Einwohnerzahl und seiner beträchtlichen ökonomischen Macht bald keine Schlüsselrolle mehr spielen, wenn es sich als westlicher Vorposten des europäischen Ostens mißversteht. Wir sind vielmehr – die Geschichte zählt hier mehr als die Geographie – der Teil des politischen Westens, der am weitesten nach Osten reicht. Daraus erwächst eine Verpflichtung: Wir sind als Übersetzer gefragt, und wir haben ökonomische und politische Transferleistungen in Richtung Osten zu erbringen – aber wir müssen dies mit Takt und ohne Überheblichkeit tun. Unsere östlichen Nachbarn haben europäische Kooperationen nötig, nicht europäische Besserwisserei, und weder Prag noch Warschau oder Budapest – und übrigens auch nicht Bukarest – müssen sich etwa von Berlin darüber belehren lassen, wie die Geisteskultur einer europäischen Metropole aussieht.