Vom Gegner zum Retter

Von Ralf Neubauer

Heinz Kriwet hat nie einen Zweifel daran gelassen, was er von der Eko Stahl AG in Eisenhüttenstadt hält. Das Unternehmen sei "überflüssig wie ein Kropf", verkündete der Thyssen-Chef einst. Als sich sein Konzern im Verbund mit Preussag dennoch um Eko bewarb, stand denn auch für so manchen Beobachter fest: Die westlichen Stahlkocher wollen nur einen unliebsamen Ost-Konkurrenten ausschalten.

Die Treuhandanstalt und die brandenburgische Landesregierung sahen es offenbar ebenso. Sie favorisierten von Anfang an Emilio Riva als Käufer und erteilten dem italienischen Stahlbaron schließlich den Zuschlag für das Eisenhüttenstädter Exkombinat. Selbst als Riva bereits auf dem Absprung war, gab sich Brandenburgs FDP-Wirtschaftsminister Walter Hirche noch kämpferisch. Die Privatisierung laufe nur mit dem Italiener: "Es wäre fatal, wenn die westdeutsche Stahlindustrie auf der Schlußstrecke doch noch zu einem unerwarteten Sieg über Eisenhüttenstadt käme."

Inzwischen hört sich das ganz anders an. Nachdem Riva am Freitag vergangener Woche endgültig abgesagt hatte, vollzogen die Berliner Privatisierungsbehörde und die Potsdamer Landesregierung eine geradezu atemberaubende Kehrtwende. Gab es bis dahin "keine Alternative" zu Riva, so taten sich auf einmal sehr wohl andere Möglichkeiten auf. Als erster schaltete wieder einmal Wolf Schöde, Sprecher und einflußreicher Berater von Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel, um. Seine Behörde setze nun auf "die gesamtdeutsche Verpflichtung der Stahlunternehmen an der Ruhr", um Eko als modernes Werk zu erhalten, erklärte Schöde noch vor der offiziellen Krisensitzung am Sonntag abend. Ministerpräsident Manfred Stolpe appellierte ebenso an die "Solidarität" der westdeutschen Konzerne. Einzig Günter Rexrodt blieb seiner Linie treu: "Ich sehe jetzt schwarz", erklärte der Bonner Wirtschaftsminister frank und frei.

Der plötzliche Sinneswandel von Treuhand und Staatskanzlei kommt nicht von ungefähr. Denn nach der bislang größten Privatisierungspleite im deutschen Osten droht dem Stahlstandort Eisenhüttenstadt wirklich das baldige Aus. Bis zum Schluß wollten es die Akteure in Berlin und Potsdam nicht wahrhaben, daß es Emilio Riva mit dem Eko-Ausstieg Ernst war. Dabei hatte der Mailänder bereits Ende April in einem Schreiben unmißverständlich klargestellt, daß unter den gegebenen Bedingungen "eine so schwere Aufgabe wie die Sanierung der Eko Stahl nicht gelingen" könne. Treuhand und Landesregierung umgarnten Riva dennoch mit immer neuen Konzessionen – offenbar in dem Glauben, der als Verhandlungskünstler bekannte Italiener pokere nur. Das war jedoch, wie sich nunmehr herausstellt, ein gefährlicher Trugschluß.

Jetzt bleibt der Treuhandanstalt zwar ein schlüssiges Privatisierungs- und Unternehmenskonzept, welches aber voll und ganz auf Riva zugeschnitten ist. Öffentliche Beihilfen in Milliardenhöhe zur Sanierung von Eko dürfen nur fließen, wenn in Ostdeutschland anderenorts Stahlkapazitäten stillgelegt werden. So lautet die Bedingung der EU-Kommission in Brüssel. Emilio Riva hätte sie erfüllen können, weil er bereits über zwei Stahlstandorte in den neuen Ländern – in Hennigsdorf und in der Stadt Brandenburg – verfügt. Doch Riva ist jetzt aus dem Spiel.

Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel und Manfred Lennings, Verwaltungsratsvorsitzender der Anstalt, wollen daher alsbald nach Brüssel fliegen und neue Konditionen für Eko aushandeln. Die Erfolgsaussichten sind ebenso ungewiß wie die Chancen, einen neuen Investor für das Eisenhüttenstädter Stahlwerk zu finden. Mit dieser Aufgabe soll sich jetzt Hans Apel, ehemals Finanz- und Verteidigungsminister in Bonn, herumschlagen.

Vom Gegner zum Retter

Der Sozialdemokrat, den Emilio Riva als neutralen Mann im Eko-Aufsichtsrat strikt ablehnte, ist um seinen neuen Job nicht zu beneiden. Apel will zuallererst die lange geschmähten westdeutschen Konzerne kontaktieren. Zumindest Heinz Kriwet hat bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert. Er wolle nicht die "beleidigte Leberwurst" spielen, sagt der Thyssen-Chef: "Für uns ist das Thema frei von jeder Emotion." Von einer "gesamtdeutschen Verantwortung" will Kriwet denn auch nichts wissen: "Ich habe große Schwierigkeiten, Patriotismus in meiner Bilanz unterzubringen."

Tatsächlich dürften Thyssen und Preussag ihr altes Unternehmenskonzept für Eko kaum nachbessern. Die beiden Konsorten wollten anders als Riva in Eisenhüttenstadt lediglich das Kaltwalzwerk weiterbetreiben. Eine langfristige Perspektive hat Eko aber nur als integriertes Stahlwerk, das vom Hochofen bis zum fertigen Blech alle Herstellungsstufen umfaßt. Dieser Ansicht sind zumindest die von der EU-Kommission beauftragten Gutachter Coopers & Lybrand. Werde Eko nicht um die bislang fehlende Warmwalzstufe ergänzt, dann drohe das Unternehmen zu einem dauerhaften Subventionsfall zu werden, urteilen die Experten.

Heinz Kriwet sieht das nach wie vor "völlig anders". Im übrigen läßt er offen, ob Thyssen und Preussag überhaupt noch bereit sind, ihr ursprüngliches Angebot aufrechtzuerhalten. Danach sollten im Kaltwalzwerk rund 1300 Stellen und zudem etwa tausend Ersatzarbeitsplätze außerhalb der Eko AG garantiert werden. "Die Welt ist", sagt Kriwet heute, "zwölf Monate älter geworden. Investitionen, die für Eko geplant waren, haben wir inzwischen woanders getätigt."

Als Favoriten der Treuhandanstalt gelten somit Thyssen und Preussag selbst nach dem Ausstieg von Wunschinvestor Riva nicht. Vielmehr sind die Dritten im Bunde, die Hamburger Unternehmer Gerd Gustav Weiland und Wolf-Dietrich Grosse, an die Stelle von Riva nachgerückt. Das Gespann ist in der Stahlbranche gut bekannt. Grosse amtiert derzeit noch als alleiniger geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Stahlwerke (HSW), die demnächst an die Badischen Stahlwerke in Kehl verkauft werden sollen. Weiland, nebenher SPD-Bürgerschaftsabgeordneter, war bis Ende vergangenen Jahres gleichberechtigter Kompagnon von Grosse bei den HSW. Das Sagen bei dem Unternehmen hat indes Hamburgs Wirtschaftssenator Erhard Rittershaus. Der Hintergrund: Die Hansestadt hat in beträchtlichem Umfang Kredite der Hamburger Stahlwerke verbürgt.

Ebenso wie Riva wollen Grosse und Weiland Eko zu einem integrierten Stahlwerk komplettieren. Ihre Pläne passen der Treuhandanstalt sogar noch besser ins Konzept, weil sie eine hochmoderne sogenannte Dünnbrammengießanlage planen. Riva wollte dagegen eine konventionelle Wannwalzstraße installieren. Die Sache hat nur einen Haken: Eko ist für die beiden Unternehmer trotz Milliardensubventionen wahrscheinlich einige Nummern zu groß. "Unser Nachteil ist, daß wir als Privatleute kein riesiges Vermögen im Hintergrund haben", räumt selbst Weiland ein. Zugute hält sich der Sozialdemokrat dagegen seine hervorragenden Beziehungen zu Hans Apel und dem Hamburger Unternehmensberater Otto Gellert, zugleich Vizechef des Treuhand-Verwaltungsrates und Eko-Aufsichtsratsvorsitzender.

Gute Beziehungen allein dürften Weiland und Grosse, die ihre Bewerbung für Eko erneuern wollen, im konkreten Fall allerdings kaum weiterhelfen. Zudem hat Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt, der Eko unter seinen persönlichen Schutz gestellt hat, bereits abgewunken. Von einem Hamburger Angebot könne insbesondere aufgrund der Privatisierungsauflagen aus Brüssel kaum die Rede sein, erklärte Rexrodt im Deutschlandfunk.

In Bonn, Berlin und Eisenhüttenstadt herrscht derzeit denn auch absolute Ratlosigkeit. Monat für Monat macht die Eko Stahl AG Verluste in zweistelliger Millionenhöhe, für die die Treuhand geradestehen muß. Laut Eko-Sprecher Reinhard Behrend hat sich die Anstalt bereit erklärt, zumindest für Mai und Juni die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens mit noch 3000 Mitarbeitern zu sichern. Wie es in Brüssel heißt, sind diese Zuwendungen nach dem Scheitern der Privatisierung eigentlich nicht mehr mit den Beihilferegeln der EU vereinbar. Im Klartext: Die Treuhandanstalt steht bei ihrer ohnehin schwierigen Investorensuche unter erheblichem Zeitdruck.

Als pure Illusion dürfte sich deshalb auch die offenbar in Kreisen der Belegschaft gehegte Hoffnung erweisen, Eko könne erst einmal als Staatsunternehmen weitergeführt werden. Michael Böhm, Sprecher der IG Metall Berlin-Brandenburg, hat die Absage des ungeliebten Emilio Riva sogar "erleichtert". An eine Stillegung von Eko mag er ohnehin nicht glauben: "Das kann sich politisch niemand mehr leisten." Und: "Die westdeutsche Stahlindustrie könnte jetzt endlich ihren schlimmen Ruf bekämpfen, der ‚Plattmacher im Osten‘ zu sein."