Von Peter Wapnewski

Das idealistisch-romantische, das moralische Moment, das die Humboldtsche Gründungskonzeption bestimmte, eben das "Ideelle", bildet den Basso continuo aller Reflexionen über unsre Hohen Schulen seit jenen frühen Tagen. Es grundiert auch noch die Eröffnungsrede des Hamburger Rektors zum Beginn des Neubeginns am 6. November 1945. Da erfuhr man denn aus berufenem Munde: es habe die Hamburger Universität in den dunklen Jahren, durch die sie seit 1933 hat hindurchgehen müssen (...), allen Hemmungen und Schwierigkeiten zum Trotz, nicht etwa nur ein verkümmertes und seines echten Sinnes entleertes Leben gefristet. Viele ihrer Mitglieder haben in der Stille an der ihr gesetzten Aufgabe wissenschaftlicher Forschung und Lehre weitergearbeitet, ohne sich durch den Lärm des Tages stören oder durch fanatische Irrlehren verblenden zu lassen.

Und weiterhin ist ausführlich die Rede in dieser Rede vom eigenen Herd, darin über jene dunkle Zeit hin die Universität die Glut gehegt habe, treu geblieben dem Lichte der Erkenntnis und der Überzeugung von seiner reinigenden und zu höherem Dasein emporführenden Kraft (...), und wir freuen uns, wieder im Lichte zu wandeln...

Das den Historiker zierende aufrichtige Bemühen, ein Geschehen jeweils zu verstehen aus den Bedingungen seiner Zeit heraus, wird einräumen, daß die Situation damals ein Wort der Ermutigung, des aufhelfenden Selbstbewußtseins nahelegte. Doch will ein gewisses Unbehagen nicht weichen, wenn der neue Rektor zum Beginn der neuen Zeit, hinweisend auf die gewiß verzweiflungsvoll schwierige Situation der moralischen Entscheidung des Gewissens inmitten des Drucks hier von Brutalität und Willkür und der Lockung dort des Opportunismus – wenn er da hindeutet auf eine vage mögliche "Rechtfertigung, die sich auf einen tiefen Vers eines der leidenschaftlichsten Verteidiger der Freiheit und der unerbittlichsten Sittenrichter berufen kann, einen Vers Miltons: They also serve, who only stand and wait. Die dienen auch, die stehen nur und warten".

Es ist wahr, auch jene haben gedient in diesen zwölf Jahren, die nur standen und warteten – aber es muß erlaubt sein zu fragen: Wem denn haben sie gedient...?

Man erinnert sich an des Hamburger Mitbürgers und Johanneum-Schülers Ralph Giordano These von unserer "zweiten Schuld", darin bestehend, daß wir die erste nicht anzunehmen bereit waren. Auch an der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte der Hamburger Universität ist dieser Vorgang ablesbar. Denn was war die Voraussetzung für die scheinbar beleidigende Behauptung des "Muffs von tausend Jahren unter den Talaren"? Die Zeitangabe spielt deutlich an auf das tausendjährige Reich und damit auf die mangelnde Bereitschaft der Universität, einen klärenden Neuanfang zu wagen. Statt dessen klammerte sie sich an ihr konservatives Gewissen und das bequeme Bedürfnis nach Kontinuität.

Ich zitiere aus dem Protokoll der Senatssitzung vom 28. Juli 1933: Der Rektor berichtet über weitere Auswirkungen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Die Landesunterrichtsbehörde hat beim hamburgischen Senat beantragt, die Entlassung von Professor Dr. Cassirer gemäß § 3 des Berufsbeamtengesetzes herbeizuführen. Ferner habe sie beantragt, den... [folgen neun Namen von Professoren und Dozenten] die Lehrbefugnis zu entziehen... Der Rektor wirft sodann die Frage auf, wie die Universität sich gegenüber den von dem Berufsbeamtengesetz betroffenen Dozenten [Kollegen werden sie hier nicht mehr genannt...] bei ihrem Ausscheiden verhalten solle.