Montag – und wieder eine Nachtschichtwoche vor der Brust. "Man gewöhnt sich dran", sagten die älteren Kollegen. Die hatten gut reden; wohnten in Zechenhäusern mit ein bißchen Garten und viel gegenseitiger Rücksichtnahme und nicht im "Ledigenheim": Viermannbuden, mit Kommen und Gehen, Gesang und Geschrei, Radiogeplärre. Das Schlafen am Tage wurde zur Anstrengung. Wenigstens pennten wir neuerdings auf Matratzen, nicht gerade Luxusware. So großzügig zeigten sich die Zechenherren nun doch nicht, auf alle Fälle besser als die plattgedrückten Strohsäcke, die wahrscheinlich schon den Russen als Unterlagen dienten, die hier eingesperrt waren. Der teilweise noch vorhandene Stacheldraht um die Steinbaracken ließ erkennen, daß unsere Unterkünfte einst ein "Lager" waren. Man sprach unter den Einheimischen nicht gern davon: "Warum das aufrühren, gut, daß alles vorbei ist."

Die Raubkolonne fuhr nur nachts an, und irgendwie kam man über die Runden. "Rauben", gefährliche Arbeit, aber gut bezahlt. Ich verdiente mehr als der Schullehrer, mit dem ich in der Kneipe ins Gespräch kam. Und nur das zählte: Geld, "richtiges" Geld, nicht mehr die miesen Reichsmark. Mit dem dicken Hammer, im Kumpeljargon "Motek" genannt, den Keil am Eisenstempel treffen, der sackte zusammen, rein in den "Alten Mann" und raus mit dem Ding, das neu gesetzt wurde. Manchmal brach das Hangende sofort nach. Hubzug her, Schimpfen und Fluchen auf die Scheißmaloche, den Berg, den Steiger und Gott und alle Welt. Die schweren Eisenklamotten waren wichtiger als unsere Knochen, teurer wohl auch. Unfälle gab es in jeder Schicht. Mir wurde es immer ganz schwummerig, wenn etwas passierte, ich konnte kein Blut sehen. Wie sagten die alten Kumpels? "Man gewöhnt sich dran."

Trotzdem war ich gern bei den "Räubern". Alles junge Kerle, die ranklotzten: "Geld oder Blut am Stempel!" War das Soll erfüllt, hockten wir uns in den Kohlenstaub und quasselten, schwärmten von den schönen Verkäuferinnen im Zechenkonsum und malten uns Stelldicheins mit den Weißbekittelten aus, am Sonntag. Wenn doch nur bald Sonntag wäre...

Denn dann lebte man richtig auf. Es ging zum Tanzen, im neuen Zweireiher mit breiten Nadelstreifen, die Tangomähne gestriegelt, und die Fingernägel waren auch mal sauber. "Choo Choo The Boogie". Die Mädchen vergaßen glücklicherweise die Warnungen ihrer Mütter vor "denen aus’m Bullenkloster".

Die Woche über aß ich argentinisches Pferdefleisch aus Dosen – "Horsemett" nannten es die Leute, na ja, es las sich so ähnlich – und kaufte für ein paar Groschen ausgemusterte K-Rationen, die die Amis übrigließen. Die Belgier in der nahen Kreisstadt verscherbelten Kaffee und Zigaretten unter Preis. Am Lohntag erwarb man vom Kantinenwirt Bons fürs Mittagessen. Für den zahlte sich unser Kohldampf aus, der wurde bestimmt steinreich.

Mit dem neuen Geld, das war fast ein Jahr her. Nun wären alle gleich arm oder reich, hieß es, und es dauerte, bis ich merkte, daß man uns ganz schön übers Ohr haute. Das Wochenende laberten sie im Radio herum, daß es von Montag an anders würde, von einer neuen Verfassung war die Rede, einem "Grundgesetz". Doch wen interessierte das schon? Ich wartete mit Sehnsucht auf den Donnerstag, dann kamen Abschlag und Restlohn zur Auszahlung, jede Menge Marie hoffentlich, und Wildlederschuhe mit einer dicken Kreppsohle standen auf meiner Einkaufsliste.

Ganz schlaue Leute – so der Kölner Radiosender – hätten das alles ausgeheckt und wochenlang darüber palavert, nur die Bayern stellten sich quer. Ein "Neubeginn" stehe an, wurde erklärt. Dabei hatten auf der Zeche die gleichen Leute das Sagen wie bei Hitler, ob Russenschinder oder Wehrwirtschaftsführer. Die einheimischen Kumpels wußten Bescheid, trauten sich aber nicht, den Mund aufzumachen. Im Betriebsratsbüro, auch "Wacholderstreb" genannt, versuchten die Kommunisten, ohne allzu großen Gesichtsverlust die Seiten zu wechseln, anscheinend besaßen die Sozis die besseren Karten.