NEUHAUS - Ein- verstoßener Sohn kehrt zurück. In Gestalt eines Steines. Bei der Renovierung ihres Pfarrhauses haben die Einwohner der Gemeinde an der Grenze zwischen Niedersachsen und Mecklenburg Vorpommern einen Gedenkstein ausgebuddelt, den sie vor gut vierzig Jahren eingegraben hatten. Er erinnert an einen Kolonialhelden zweifelhaften Rufs: Carl Peters. Der Pastorensohn, der bei der "Germanisierung" Ostafrikas buchstäblich über Leichen ging, erblickte 1856 in Neuhaus das Licht der Welt. 1931 wurde er mit jenem Stein geehrt. Der hätte kaum Anstoß erregt, wäre Neuhaus nach dem Krieg nicht der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen worden. Der Neuhauser Lokalpatriotismus paßte fortan nicht mehr ins ideologische System. Und nachdem ausgerechnet Mitglieder der FDJ 1951 aus Anlaß von Peters Geburtstag den Gedenkstein mit Blumen geschmückt hatten, wurde es der SED zu bunt. Die Gemeinde mußte den Stein im Garten des Pfarrhauses verbuddeln.

Nun, nach der Wende, wird der Stein wohl wieder aufgestellt werden. Bei einer Versammlung, die jüngst der örtliche Verein für Bürgerbegegnung einberufen hatte, sprachen jedenfalls sich alle dafür aus - auch der Pastor "Man kann die Geschichte nicht einfach verbuddeln", sagt der evangelische Geistliche Horst Friedrich Harke. Peters sei von der DDR Propaganda zum Schwarzen Peter des Kolonialismus aufgeblasen worden und längst nicht so blutrünstig gewesen, wie er auch von westlichen Historikern dargestellt werde, meint der Theologe.

Um zu verhindern, daß Peters künftig wieder unkritisch als großer Sohn der Gemeinde gefeiert wird, will der Heimatkundler Werner Hüls eine Erläuterungstafel entwerfen. Sie soll auch über die düsteren Seiten des "Kolonialhelden" informieren. Nicht nur der Gemeinderat, sondern auch der Kirchenvorstand müssen nun noch darüber befinden, ob der Stein tatsächlich wieder aufgestellt werden soll. Denn der gemeindeeigene Gedenkstein liegt auf Kirchengrund.

Noch eine andere Frage kommt auf die 2100 Seelen Gemeinde zu: Wird die frühere Stalinstraße, die heute Parkstraße heißt, bald wieder Carl Peters Straße heißen? Auch für diese Rückbesinnung finden sich in Neuhaus etliche Fürsprecher.

Die Peters Renaissance entbehrt nicht der Pikanterie. Denn Neuhaus ist das Zentrum des Amtes Neuhaus, das im vergangenen Jahr auf eigenen Wunsch vom östlichen Bundesland MecklenburgVorpommern zu Niedersachsen und dem Kreis Lüneburg überwechselte. Und die niedersächsische Landeshauptstadt hat sich just im vergangenen Jahr von dem gebürtigen Neuhauser Peters getrennt (siehe ZEIT Nr. 15 vom 9. April 1993). Der frühere Carl Peters Platz trägt heute den Namen der österreichischen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner. Heinrich Thies