Von Dieter E. Zimmer

Zahlen, lauter elementare Zahlen. Sie leuchten die Momentaufnahme eines Vorgangs aus, der die Beteiligten jetzt drei Jahre lang um den Schlaf gebracht hat, auf den bescheidenen Namen "personelle Erneuerung der Hochschulen in den neuen Bundesländern" hört und tatsächlich ein Vorgang ohne Beispiel ist, ein Jahrhundertding.

In jener Herbstnacht des Jahres 1990, als die DDR erlosch, erlosch auch ihr Hochschulsystem. Die Hochschulen zwar standen weiter, mehr oder minder die gleichen Leute gingen lehrend oder lernend weiter ein und aus. Aber alles geschah nur noch vorläufig und auf Abbruch, in Erwartung der neuen, endgültigen "Strukturen", die hier gebaut werden sollten, zumeist mitten in die alten hinein.

Praktischer wäre es gewesen, die Hochschulen für die Zeit ihrer Neukonstruktion zu schließen. Das aber sollte nicht sein, mit Rücksicht auf die Studenten. So mußte sich die Erneuerung, noch beschwerlicher, bei laufendem Lehrbetrieb vollziehen. Ob das Werk gelungen ist, wird sich zeigen; jedenfalls war es eine Kraftanstrengung sondergleichen. In den ersten beiden Jahren der Einheit hatten die neuen Träger der Hochschulen, die Bundesländer Ostdeutschlands, vollauf damit zu tun, sich selber zu konstituieren, ihre Wissenschaftsverwaltungen zu organisieren, Inventur zu machen, gesetzliche Grundlagen zu schaffen und sich darüber klarzuwerden, welche Hochschulen es künftig geben soll, welche Fächer in ihnen in welchem Maß unterrichtet werden und welchen Personalbedarf das bedeutet – und das in einem Moment akutester Finanznot, die keinen Raum ließ für ideale Höhenflüge. Einige Fächer (etwa Marxismus/Leninismus) hatten sich ganz erübrigt, andere (etwa Ökonomie, Jura, Soziologie oder Geschichte) mußten neu abgesteckt werden; andere wurden (und werden) neu über die Landschaft verteilt. Die unausgesprochene Devise hieß: alles genau wie im Westen. Und es ist in der Tat fraglich, ob das Umbauvorhaben auch noch die Belastung durch inhaltliche Experimente vertragen hätte.

1992 ergingen die ersten Rufe an die neuen Hochschulen, 1993 kam der Berufungsprozeß voll in Schwung, in spätestens einem Jahr wird er abgeschlossen sein – gemessen daran, wie lange sich Berufungsverfahren normalerweise hinzuziehen pflegen, ein geradezu olympiareifer Spurt. Insgesamt waren Ende März dieses Jahres die Hochschullehrerstellen zu knapp zwei Dritteln endgültig besetzt, in jedem Fall durch Neuberufungen, von denen allerdings für eine Übergangszeit ein gut Teil Hausberufungen oder "Überführungen" sein durften. Am weitesten ist Sachsen (an die 73 Prozent), und das ist um so anerkennenswerter, als es von allen neuen Bundesländern mit Abstand das größte Hochschulvolumen hat. Am weitesten zurück liegt Brandenburg (48 Prozent), entschuldbarerweise, denn es hatte die meisten Fälle, in denen bei Null anzufangen war. Vermutlich als erste wurde die Theaterhochschule Ernst Busch in Berlin so gut wie "fertig"; das Schlußlicht bildet wohl die Filmhochschule Konrad Wolf in Babelsberg.

Zahlen, nur Zahlen: Sie erzählen natürlich nicht die ganze Geschichte der Erneuerung, und sie erzählen gar keine Geschichten. Aber sie entziehen manchem vorschnellen Pauschalurteil die Nahrung, dementieren auf ihre stille, aber unabweisbare Art manches Schreckensgerücht. Das bitterste von ihnen behauptet, im Zuge der Vereinigung wäre die ostdeutsche Wissenschaft rücksichtslos "plattgemacht" worden. Tatsächlich wurden die Forschungsinstitute der drei Akademien sämtlich geschlossen; in Neugründungen und Auffangeinrichtungen wurden aber immerhin etwa 13 000 ihrer 16 000 Wissenschaftler untergebracht, wenn auch die große Mehrheit von ihnen nur vorläufig. Die Industrieforschung gar schrumpfte auf etwa fünfzehn Prozent ihres Umfangs zu DDR-Zeiten. Für die Hochschulen war eine Schrumpfung um mindestens vierzig Prozent vorausgesagt worden. Auf Kosten der Zahl der Hochschulen, der Professoren und der Studenten ist sie nicht eingetreten.

In der DDR gab es zehn Universitäten, davon vier Technische, zwölf Hochschulen für die verschiedenen Künste und 32 meist sehr eng spezialisierte Hochschulen, vor allem für Ingenieure. Jetzt gibt es fünfzehn Universitäten: Brandenburg hat deren drei neu gegründet, in Frankfurt und Potsdam, dazu eine TU in Cottbus; Sachsen-Anhalt baut verschiedene Hochschulen in Magdeburg zu einer Volluniversität aus; Thüringen hat zwei Hochschulen, in Ilmenau und Weimar, in Universitätsrang erhoben. Es gibt nach wie vor zwölf Kunsthochschulen und exakt jene 24 neugegründeten Fachhochschulen, die der Wissenschaftsrat empfohlen hatte. Mit einigen sonstigen und nichtstaatlichen Fachhochschulen ist damit die Gesamtzahl gestiegen, von 54 auf 65.