Von Cornelia Gerlach

Kommen Sie, Herr Machfus, zeigen Sie mir Ihre Stadt. Zeigen Sie mir die Schauplätze Ihrer Romane, die Helden Ihrer Geschichten, die Stätten Ihrer Kindheit. Sie sind alt. Das bürgt für Weisheit. Sie sind nobelpreisgekrönt. Das bürgt für Qualität. Sie schreiben für Ihre Landsleute. Das bürgt für Authentizität. Also bitte, lassen Sie mich Ihre Stadt sehen. Ich bin es leid, auf den Trampelpfaden der Reisebüros zu wandeln. Pyramiden, Pharaonen und die Sphinx können warten.

Wo ihn finden? Im Kaffeehaus "Ali Baba", hatten die Kollegen empfohlen. Jeden Tag früh um sieben käme Nagib Machfus dorthin, um Mokka zu trinken, Zeitung zu lesen und nach der siebten Zigarette den Tag zu beginnen. "Welcome to Egypt", sagt der Taxifahrer und strahlt mich an wie die Morgensonne. Danke. Ich schiebe ihm einen Zettel mit ein paar arabischen Schnörkeln nach vorn. Midan Tahrir. Da will ich hin.

"Where are you from?" Der Fahrer steuert hupend die Spaghetti-Schleifen der Hochstraße an, quetscht sich im spitzen Winkel zwischen die Wagen, erkämpft sich die Dreimeterzehn zwischen den Stoßstangen vorn und hinten, grüßt einen Freund am Straßenrand, schlängelt sich, von Lücke zu Lücke hupend, vorwärts auf die Stadt zu. Aus Deutschland, sag’ ich. Der Verkehr fließt wie ein Wildbach, teilt sich, umkurvt Eselskarren und Fahrradfahrer, strömt wieder zusammen auf eine Breite, die in Hamburg zwei Spuren gewesen wäre, hier aber fünf sind oder vier, je nach Dicke der Außenspiegel.

"What is your name?" Ich ernte noch einen offenen Blick. Dann stockt die Konversation. Schulenglisch, erstes Kapitel. Wo die Autoschlangen in einem Strudel münden, kommt ein Schwall fremder Worte aus dem Mund meines Fahrers. Aussteigen? Nicht hier. Bitte, bring mich ans rettende Ufer. Er tut es, setzt mich aus, wo statt Autos Menschen strömen.

"Ali Baba" steht in lateinischer Schrift über dem Kaffeehaus. Die Wände sind steril gelb verklinkert, der Raum ist karg und leer. Ich bestelle qahwa madzbuj, mittelsüßen Kaffee mit Satz. "Machfus kommt nicht mehr", sagt der Kellner. "Der ist jetzt alt." Bleibt nur der offizielle Weg. Verlag, Agentur, Termin. Draußen zieht endlos die Stadt vorbei: Männer mit Schlipsen und Männer in Gewändern, Frauen mit Schleiern und Frauen auf Stöckelschuhen. Zeit scheint ein Meer ohne Grund.

Dreißig Minuten Audienz gewährt er, genau nach der Uhr. Sekretäre bewachen den Eingang zu Machfus’ Büro im Redaktionsgebäude der Zeitung Al Ahram. Da steht er, gestützt auf den polierten Hornknauf seines Spazierstocks. Die Beine stecken knöchern im Anzug, die Uhr schlackert am Handgelenk, die Schultern fallen schmal nach vorn. Machfus grüßt mehr höflich als erfreut. Ich bin nicht die erste, die ihn bemüht. Er sackt ins Sofa. Der Dolmetscher setzt sich neben das Hörgerät.