Ein Tod hat die politische Landschaft in Großbritannien erschüttert: Nach dem Herzinfarkt des Labour Chefs John Smith scheint nichts mehr so, wie es eben noch war. Nicht nur, daß vorerst die rituellen Beschimpfungen der Haudegen im Europawahlkampf verstummten. Das gehört auch in England zum guten Ton, wenn ein Mann stirbt, der selbst beim politischen Gegner als Beweis dafür galt, daß Politik nicht zwangsläufig den Charakter verdirbt. Vor allem konservative Politiker und Leitartikler ergehen sich derzeit in wahren Elogen auf John Smith. Selten wurde einem Labour Politiker - wenn auch nur posthum - so viel Lob zuteil von einer Presse, die sonst doch alles darangesetzt hätte, seinen Marsch in das Amt des Premierministers zu stoppen.

Doch auch nach der Beerdigung von John Smith am Freitag dieser Woche dürften viele Politiker Großbritanniens kaum in ihren gewohnten Parteijargon zurückfallen. Denn die Veränderungen, die der plötzliche Tod des Oppositionsführers auslöste, greifen tiefer, treffen alle Parteien. Die Karten im Machtpoker werden neu gemischt, Strategie und Taktik müssen überdacht, personelle Tableaus verändert werden.

Bis eben waren es noch die Tories, in deren Führungsetage die ganze Welt eine Nacht der langen Messer erwartete; jetzt muß Labour einen neuen Parteivorsitzenden finden. Für Premier John Major bedeutet der Tod seines parlamentarischen Widersachers zunächst einmal die Rettung. Der Regierungschef dürfte die Nackenschläge der nächsten Wochen überstehen, selbst wenn die Niederlagen seiner Partei beim europäischen Urnengang und bei den Nachwahlen fürs Unterhaus verheerend ausfallen sollten. Den Tories ist die Lust auf einen Führungswechsel erst einmal vergangen.

Ausgerechnet der Tod des 55jährigen LabourFührers beraubte die Regierungspartei ihrer einzigen überzeugenden Alternative zum derzeitigen Hausherrn in Downing Street. Bis zum vergangenen Donnerstag war Industrieminister Michael Heseltine noch der erklärte Favorit der parteiinternen Major Gegner. Jetzt steht er plötzlich chancenlos da. Denn Labour steht im Begriff, an der Spitze einen Generationswechsel zu vollziehen: Alle aussichtsreichen Kandidaten für die Nachfolge von John Smith wurden nach dem Krieg geboren - da können die Konservativen schlecht auf einen 61jährigen zurückgreifen, der erst im vergangenen Jahr einen Herzinfarkt erlitt. Es nützt Heseltine gar nichts, öffentlich seine Fitneß und seinen Hunger nach einem aktiven politischen Leben zu betonen: "Hezza ist erledigt", lautet das gnadenlose Urteil seiner Partei. Und die anderen Anwärter auf John Majors Amt rechtfertigen nicht Mühsal und Risiken eines erneuten Königmordes.

Gespannt blicken die Tories auf das Gerangel bei der Opposition. Hinter den Kulissen wird dort längst um das Erbe des John Smith gerungen, und bei den Konservativen keimt die stille Hoffnung, die Labour Partei möge sich monatelang in erbitterte Grabenkämpfe verstricken. Ungewöhnlich wäre das nicht. Uneinigkeit und Zwist entsprechen weit mehr dem Naturell der traditionsreichen peoples party als die beinah beängstigende Harmonie, die Labour zuletzt so demonstrativ zur Schau stellte. Die Wahl des neuen Parteivorsitzenden ist ein Test: Wie durchgreifend hat die Modernisierungskur der vergangenen zehn Jahre gewirkt? Und wie machthungrig sind all die "Brüder und Schwestern"?

Labours Modernisierung, die noch Neu Kinnock einer widerstrebenden Partei aufgezwungen hatte, war unter John Smith nicht mehr im gleichen Tempo weitergegangen. Smith hielt es für ratsam, Labours Absichten so vage wie möglich zu formulieren, sich die Optionen offenzuhalten und zuförderst auf die Selbstzerstörung der abgetakelten Tory Regierung zu vertrauen.

Sicher, die verschrotteten Waffen aus den Wahlkämpfen der siebziger und frühen achtziger Jahre - staatliche Wirtschaftslenkung, rabiate Umverteilung, Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft - mag bei Labour heute zwar kein ernstzunehmender Politiker mehr in die Hand nehmen. Und die harte Linke ist so machtlos wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte der Partei. Aber selbst im Hochgefühl des jüngsten Erfolges bei den Kommunalwahlen wuchsen Zweifel an Smith allzu behutsamer Strategie. Die Führungsriege von Labour ahnte, daß der Machtwechsel längst noch nicht gesichert war. Die Wähler mögen die Regierung Major verachten, ihr Enthusiasmus für Labour hält sich gleichwohl in Grenzen. Viele verbitterte Anhänger der Konservativen liefen denn auch nicht zur Labour Partei über, sondern wechselten lieber zur dritten Kraft der britischen Politik, den Liberaldemokraten.