Von Fredy Gsteiger

Wieso ausgerechnet Mülhausen? mag sich Helmut Kohl im Bonner Kanzleramt fragen. Warum soll ausgerechnet die "Stadt der hundert Schornsteine", die einstige Textilhochburg im Südelsaß, in der es seit Jahren heftig kriselt und die wahrlich niemand als Bijou bezeichnen würde, warum soll gerade sie den rechten Rahmen abgeben für einen deutsch-französischen Gipfel – jene Treffen der Politprominenz, die bei aller Routine gleichwohl immer wieder mit allerhand Pomp inszeniert werden? Die Antwort möchte dem Kanzler ein Mann namens Jean-Marie Bockel zu geben, seines Zeichens Bürgermeister von Mülhausen: Weil ich es so will!

Bockel verkörpert die neue Gattung französischer Bürgermeister. Er ist kein Patriarch, der in langen Amtsjahrzehnten völlig verfilzt ist mit den lokalen Granden. Er entspricht vielmehr dem ansonsten eher aus Firmen-Chefetagen bekannten "Ärmel-aufkrempeln-Typ". Seit langem bestürmt er den Elysée-Palast mit der Forderung, ein Präsidentenbesuch in Mülhausen sei überfällig. Erst recht hartnäckig gibt er sich, nachdem François Mitterrand voriges Jahr nicht zur Eröffnung der "Filature" eingeflogen ist, jenes hochmodernen Kulturzentrums, das Mülhausen sich leistet, ohne es sich eigentlich leisten zu können, das aber viele bekanntere Städte vor Neid erblassen läßt. Bockels Beharrlichkeit, aber wohl auch die Tatsache, daß er wie der Elysée-Patron ein strammer Sozialist ist, macht nun kommende Woche den ersehnten Besuch möglich.

Für Mülhausen – oder französisch: Mulhouse – bietet der Gipfel jene Chance, auf die man lange gewartet hat. Endlich kann sich die Stadt im rechten Licht präsentieren. Zu lange haben die Mülhausener Spott und Herablassung auf sich sitzenlassen. Das soll nun endlich anders werden, tönt es aus dem Rathaus. Lange nach andern französischen Städten wurde eine Pressereferentin engagiert und gleich auch ein PR-Berater deutscher Herkunft. Doch was ist das "rechte Licht"?

"Die Mär mit den 100 Schornsteinen", meint PR-Mann Hans Herth, "ist längst überholt. Im übrigen waren es sogar 140. Von denen haben wir zu Erinnerung einige wenige erhalten." Was Mülhausen aus seiner industriellen Blütezeit bleibt, ist ein Stadtbild, das Herth "anarchisch" nennt. Aus einem kleinen Marktörtchen explodierte Mülhausen im 18. Jahrhundert zu einer großen Proletarierstadt. Dabei galt denkmalpflegerischer Sorgsamkeit wenig Augenmerk. Das "neue Viertel" entstand damals, wo die Fabrikherren schalteten und walteten, und bereits im 19. Jahrhundert entwickelte sich ein Vorläufer sozialen Wohnungsbaus, ein Stadtteil bestehend aus 1200 Bauklötzchenhäusern für die Arbeiter, mit Gemüsegarten dahinter und Ziergarten davor: Ein Hauch von Modelleisenbahnidylle weht dort noch heute, was immerhin unendlich reizvoller ist als die modernen Sozialwohnungswüsten.

So ist Mülhausens Wahrzeichen kein furchtloser Ritter auf hohem Roß, kein in Schriften vertiefter, sinnender Voltaire, sondern der "Schweissdissi", ein Denkmal gewordener Bursche mit prallen Muskeln, der sich den Schweiß vom Angesicht wischt. Er steht zwar nicht im Arbeiterviertel, sondern dort, wo man sieht, zu welchem Wohlstand und welchen Villen der Schweiß der vielen einigen wenigen verholfen hat. Strebsamkeit, Tüchtigkeit, ja schlicht "schaffe" sind im "elsässischen Manchester" noch heute die höchsten Tugenden.

Immerhin war die calvinistisch geprägte Zunftstadt jahrhundertelang mit der Schweizerischen Eidgenossenschaft verbandelt und später, "zu wilhelminischen Zeiten", Teil des Deutschen Reiches. Mal abgesehen vom Arbeitseifer, von der Tatsache, daß manche Autofahrer ganz unfranzösisch vor Zebrastreifen anhalten, und von gewissen baulichen Ungereimtheiten gibt sie sich freilich heute überaus französisch. 1798 schloß Mülhausen sich "freiwillig und jubelnd", wie es in einer Touristenbroschüre heißt, Napoleons Reich an, das "die Einwohner von Mulhouse in den Kreis seiner geliebten Kinder" aufnahm. Place de la Réunion heißt denn auch der alte Rothüßplatz, lange Zeit ein häßlicher Parkplatz, seit kurzem jedoch eine herausgeputzte, kopfsteingepflasterte Oase in der verkehrsdurchfluteten Stadt. Die Rue Henriette wie auch eine der gemütlichen Weinstuben im Zentrum sind nach dem ersten Kind benannt, das seinerzeit im französisch gewordenen Mulhouse geboren wurde.