Der Mann pokert hoch. Aus Sorge um die Bundesbürger will Gesundheitsminister Horst Seehofer die deutschen Grenzen dichtmachen. Am kommenden Montag läuft die Frist ab, die das Bonner Kabinett den europäischen Partnern gewährt hat, um das Malheur noch zu verhindern. Es geht um Rindfleisch aus Großbritannien, wo der Rinderwahnsinn tobt. Und da will Seehofer die Deutschen schützen.

Doch bisher sind die EU-Partner nicht gewillt, die halbherzigen Maßnahmen zum Schutz der Menschen vor der Bovinen Spongiformen Enzephalopathie (BSE) zu verschärfen – und auch Seehofers Ansinnen, Deutschland im Alleingang zur beef-freien Zone zu erklären, hat schlechte Chancen. Schließlich geht es um ein fast heiliges Prinzip – den freien Warenaustausch – und um ein Milliardengeschäft: den Handel mit Rindfleisch.

Zwar ist nicht bewiesen, daß sich auch Menschen mit BSE infizieren können. Doch "niemand kann das derzeit ausschließen", meint der Bonner Gesundheitsminister. So schnell wie möglich will Seehofer deshalb britisches Rindfleisch aus deutschen Töpfen verbannen. In einem Verordnungsentwurf, den das Kabinett bereits gebilligt hat, verlangt er, daß Deutschland aus Großbritannien in Zukunft nur noch Fleisch von Tieren importiert, die jünger als drei Jahre sind. Außerdem müssen diese Rinder aus Herden stammen, die seit vier Jahren BSE-frei sind.

Ein Alleingang im europäischen Binnenmarkt ist schwierig. Deshalb trommelte der deutsche Minister Ende März seine europäischen Kollegen zusammen, um auch sie von den neuen Sicherheitsmaßnahmen zu überzeugen. Doch die Gesundheitsminister der Nachbarländer ließen sich nicht beeindrucken. Die bestehenden Verordnungen für Fleisch und Vieh, so meinten sie, reichten völlig aus, um Europas Bürger nicht zu gefährden. Lediglich Medikamente und Kosmetika, bei deren Herstellung häufig Rindergewebe verwendet wird, sollen in der EU künftig vor BSE-verseuchten Zutaten geschützt werden. Und Tiermehl, die wahrscheinliche Ursache für die Übertragung des Rinderwahns, soll demnächst europaweit nicht mehr in die Futtertröge von Wiederkäuern kommen.

Für Tiere und Fleisch aus Großbritannien hatte die europäische Gemeinschaft schon Ende der achtziger Jahre strengere Regelungen erlassen. Sie verbot unter anderem den Export von Rindern, die älter als sechs Monate sind. Die Rinderhälften für den Kontinent müssen aus Beständen kommen, in denen mindestens zwei Jahre lang keine BSE-Fälle aufgetreten sind, und beim Zerlegen müssen die Briten sichtbare Nerven und Lymphgewebe aus dem Fleisch entfernen. Nach wie vor ist die Brüsseler Kommission davon überzeugt, daß für eine Verschärfung dieser Vorschriften kein Anlaß besteht. Seehofer wolle wohl mit einer Überreaktion bei BSE die Fehler im deutschen Aids-Skandal wiedergutmachen.

Zwar spotten die Europäer über die BSE-Bedenken in Bonn; doch gleichzeitig versuchen sie, die Deutschen so schnell wie möglich zu bremsen. Schließlich könnte ein deutscher Alleingang empfindliche Folgen für die gesamte EU haben. Die Briten würden sicher einen Importstopp der Deutschen im ersten Moment ganz gut verkraften Im vergangenen Jahr lieferten sie nur noch 1800 Tonnen Rindfleisch und Rindfleischprodukte direkt in die Bundesrepublik; eine winzige Menge im Vergleich zu über 100 000 Tonnen, die sie europaweit verkauften. Lebende Tiere, deren Export in die EU-Staaten bis zum Alter von sechs Monaten erlaubt ist, kamen 1993 gar nicht mehr nach Deutschland – insgesamt lieferten die Briten aber noch über 400 000 Kälber auf den Kontinent

Nicht die unmittelbaren Folgen also bereiten den Briten Kopfzerbrechen. Experten in London und Brüssel befürchten, die deutsche Verordnung könnte für den gesamten britischen Fleischhandel dramatische Folgen haben. Insgesamt essen die Europäer rund sieben Millionen Tonnen Rindfleisch pro Jahr. In Deutschland ist seit den ersten Warnungen vor BSE der Rindfleischabsatz um mindestens zehn Prozent gesunken. "Das kann der europäische Markt noch verkraften", heißt es bei der Brüsseler Kommission, "doch wenn andere europäische Verbraucher auch die Lust auf Fleisch verlieren, stecken wir in der Klemme." Dann nämlich ist ein Markt von über vierzig Milliarden Mark in Gefahr. Nicht allein die Viehzüchter müßten um ihr Auskommen bangen, auch "Schlachthäuser, Großhandel, Metzger. Die Folgen sind gar nicht abzuschätzen", warnen die Beamten. "Wir müssen uns fragen, ob ein Verdacht – ohne wissenschaftliche Basis – es rechtfertigt, die Verbraucher zu verunsichern und Tausende von Arbeitsplätzen zu gefährden."