Mike, der Pilot, gibt sich leger wie alle anderen in Lokichokio. Shorts, Unterhemd, Sonnenbrille. Früher flog er für Air Canada, dann wurde er entlassen, wegen Sparmaßnahmen. Jetzt startet der Kanadier von Lokichokio aus in den Südsudan - um daheim in Toronto seine Miete zu bezahlen.

Mike wirkt sichtlich nervös. Unser Ziel ist Maridi in der Provinz West Äquatoria. Angeblich hat die sudanesische Regierung in Khartum vor kurzem eine Landegenehmigung für Maridi erteilt. Aber noch fehlt die Bestätigung der Vereinten Nationen in Nairobi. Maridi wird zwar von den SPLA Rebellen kontrolliert, aber die Flugroute führt über Gebiete, die sich in der Hand von Regierungstruppen befinden. Sicherheitshalber telephoniert Mike mit Nairobi. Immerhin wurde vergangene Woche eine Cessna abgeschossen, die ohne Genehmigung im Südsudan unterwegs war.

Lokichokio, diese Zeltstadt im äußersten Nordwesten Kenias nahe der sudanesischen Grenze, ist das logistische Zentrum der Operation Lifeline Sudan der Vereinten Nationen. In regelmäßigen Abständen starten und landen dickbäuchige Transportflugzeuge, die die Hunger- und Kriegsgebiete im Südsudan mit Lebensmitteln, Saatgut und Medikamenten versorgen. Jeder Flug muß von der Regierung in Khartum und der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA), die weite Teile Südsudans kontrolliert, —™"— genehmigt werden. Seit elf Jahren tobt nun schon dieser Krieg zwischen dem islamisch geprägten Norden und dem Süden, wo die Menschen christlich getauft sind oder Naturreligionen anhängen ™ Das Feilschen um die Start- und Landeerlaubnis gleicht einem zynischen Pokerspiel: Beide Seiten setzen den Hunger gezielt als Waffe ein, um politisch die Oberhand zu gewinnen.

"Dieser Krieg ist ein Skandal", empört sich während des Fluges Vivian Erasmus, ein indischer Arzt. Er ist technischer Direktor der Aktion Afrika in Not, eine von etwa vierzig Hilfsorganisationen, die unter dem Dach der Operation Lifeline im Sudan tätig sind "Die Kämpfe könnten längst zu Ende sein, wenn die Vereinten Nationen das Regime in Khartum international isolieren würden Statt dessen bemühe man sich um Kompromisse "Reine Zeitverschwendung", sagt der Arzt. Die Erfahrung zeige, daß Khartum auf Druck mit Nachgeben reagiert - "warum also hat der Sicherheitsrat das Regime noch nicht verurteilt und Sanktionen verhängt?"

Aus der Luft offenbart sich der absurde Frontverlauf dieses Krieges. Städte wie Torit oder Juba, die zumeist von Regierungstruppen gehalten werden, erinnern an belagerte Wagenburgen. Ringsum sind sie umgeben von einem etwa hundert Meter breiten Streifen, der sorgfältig gerodet ist: freies Sicht- und Schußfeld für die eingeschlossenen Regierungssoldaten, die nur mit Flugzeugen versorgt werden können. Umgekehrt kontrollieren die Truppen aus Khartum seit der FebruarOffensive, der bislang schwersten dieses Bürgerkrieges, die wenigen Straßenverbindungen nach Uganda und Kenia.

Abgesehen von einer katastrophal schlechten Piste, die durch Zaire führt, ist die notleidende Zivilbevölkerung im Südsudan nur noch aus der Luft zu erreichen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich das Schachern um Flug- und Landegenehmigungen. Khartum gestattet die Versorgung der Südsudanesen nur, wenn auch die eigenen Truppen in den Garnisonsstädten Waffen und Lebensmittel erhalten. Bislang lassen sich die Vereinten Nationen auf dieses Spiel ein und helfen Khartum, die Städte zu versorgen - eindeutig eine Entlastung der Kriegskasse.

"Realistisch gesehen kann keine Seite den Krieg gewinnen", sagt Chol Kuang Deng, Sekretär der Sudanesischen Vereinigung für Hilfe und Wiedereingliederung (SRRA) in Maridi "Der Norden hat mehr Soldaten und die besseren Waffen. Aber wir haben die bessere Moral Die SRRA ist der zivile Flügel der SPLA Rebellen, gewissermaßen eine Interimsregierung auf lokaler Ebene "Unser größtes Problem ist gegenwärtig die Versorgung der Flüchtlinge", erklärt Deng. "Die Machthaber in Khartum versuchen, unter der Zivilbevölkerung Unsicherheit und Angst zu verbreiten Ihre Strategie sei es, durch Bombardements und Bodenangriffe Flüchtlingswellen auszulösen und damit die SPLA unter Druck zu setzen "Die Bauern können ihr Land nicht mehr bestellen, die Ernährungslage wird kritisch", sagt Deng. In West Äquatoria immerhin sei die Lage gegenwärtig im Griff, jedenfalls verhungere niemand, "Aber was passiert, falls die internationalen Hilfsorganisationen ihr Engagement aus finanziellen Gründen einschränken?"