BERLIN. – Ein schöner Pfingstsonntag: die öde Innenstadt voller Sonne und leichtem Wind und der allesumfassende Stau auf dem Berliner Außenring. Daß Berlin Schauplatz eines staatspolitischen Ereignisses, ja gar einer historischen Richtungsentscheidung sein sollte, war in der Stadt irgendwie spürbar; zum Beispiel durch die Herrschaften in Staatstracht, die im Labyrinth des Bahnhofs Friedrichstraße verzweifelt den Ausgang zur historischen Mitte suchten.

An einem solchen Tag konnte es passieren, daß man mitten in der feiertäglichen Ruhe der Baustelle Friedrichstraße von der Bundespolitik in Gestalt Peter Conradis zur Rede gestellt wird: "Die Berliner Arroganz und Mittelmäßigkeit, die alles Moderne abwehrt! Aber das werden wir nach der Bundestagswahl ändern!"

Schuldbewußt ahnt der Stadtbewohner, daß Conradi den Spreeinselwettbewerb meint. Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete und Architekt empört sich über den provinziellen Geist dieser Stadt, der sich an Traufhöhen und alten Straßenverläufen klammert.

Es ist schon wahr. Die Stadt macht gegenwärtig keinen guten Eindruck – wenn sie überhaupt Eindruck macht. Der Spreeinselwettbewerb ist ein Symptom. Der größte städtebauliche Wettbewerb aller Zeiten – und am Ende Häme über das Ergebnis und Spott über die Bedeutungslosigkeit. Da wird der Entwurf eines unbekannten Berliner Architekten gekürt, der das alte Straßen- und Plätzemuster wieder erfindet. Für eine internationale Konkurrenz mit ebenso hohen wie vagen Ansprüchen ist das ein dürftiges Produkt. Aber es hat auch eine innere Logik. Die Vereinigung Berlins heißt ja zunächst einmal – um das urbanistische Schlagwort zu benutzen – die "kritische Rekonstruktion" der Stadt. Dahinter steht ebensowenig eine konservative Haltung, wie das Gegenteil eine moderne Einstellung wäre. Das Problem ist nur: Die Rekonstruktion der geschichtlichen Identität entspringt nicht einer politischen Entscheidung der Stadt, sondern wird durch Hauptstadt- oder Regierungsviertelwettbewerbe erschlichen.

Nicht mit der sogenannten Hauptstadtrolle tut sich Berlin schwer, sondern mit seiner Rolle als Stadt selbst. Das macht das inzwischen chronische trübe Ende solcher Wettbewerbe symptomatisch. Die Stadt kann sich weder präsentieren noch kann sie repräsentieren. Beim letzten Jahrestag zur Befreiung durch die Rote Armee glänzte die Stadtpolitik durch Abwesenheit, als ob die Berliner mit diesem historischen Datum nichts zu tun hätten. Daß die Bundesversammlung in der Hauptstadt zusammentrat, war ausschließlich Hauptstadtsache. Das gastgebende Berlin, das bekanntlich sparen muß, erwog einen durch Sponsoren finanzierten Empfang. Durch Sponsoren! Daß die Bundespolitiker auf einen Staatsakt von Daimler-Benz, Sony und Schultheiß-Bier verzichteten, konnte ihnen niemand übelnehmen. Sparpolitik à la Schilda.

Prompt fiel den Berliner Schildbürgern gleich gar nichts mehr ein, außer einer möglichst umfassenden Absperrung rund um den Reichstag. Hier wäre die Gelegenheit, durch ein Angebot von Stadtrundfahrten, Dampferexkursionen und Führungen bei den angereisten Landespolitikern Verständnis für die schwierige Rekonvaleszenz der einstigen Metropole Berlin zu erwecken. Ein wenig Identifikation könnte die Stadt verlangen; aber was die Stadtpolitik wünscht, sind – wie ehedem – nur Bekenntnisse. Bekenntnisse jedoch brauchen keine Kenntnisse.

So tagte denn am Pfingstmontag die Bundesversammlung hinter einem Vorhang eines unaufhörlichen Landregens. Auf den dritten Wahlgang folgte die Abreise. Nur Jens Reich und seine Freunde feierten in den Abend hinein – gleich um die Ecke beim Brandenburger Tor, dort wo die historische Wilhelmstraße mit DDR-Luxusplattenbauten beginnt. "Bistro Verde" heißt das Lokal. Die Stimmung war heiter. Die Botschaft des neuen Präsidenten vom "unverkrampften" Deutschland machte Laune. Jens Reich verzichtete auf seine nichtgehaltene Rede, freute sich aber, daß alle Fraktionen seines Freundeskreises aus den verschiedenen Zeiten der jüngsten deutschen Geschichte gekommen waren. Die historische Präsidentenwahl wirkte wie ein blasser Schatten auf der Wand. Gerhard Baum war der einzige Vertreter anderer Parteien, den die Neugier zu dieser kleinen Nachfeier getrieben hatte.