ARD, Donnerstag, 19. Mai: Brennpunkt

Die Aktualität ist für elektronische Massenmedien eine gestrenge Herrin; sie erwartet nicht nur pausenlosen Einsatz, sondern obendrein die Bereitschaft, ein langfristig abgestimmtes Programm über den Haufen zu werfen, wenn sie nur mit Fingern schnippt. Die Diktatur, welche sie über Radio und Fernsehen verhängt, ist weit härter noch als bei den Printmedien. In den Sendeanstalten muß man sich praktisch jede Minute vergewissern, ob auch keine alles andere zur Nebensache runterstufende Topmeldung hereingebrochen sei. Bei der Tageszeitung reicht jede Stunde.

In dieser Atmosphäre des Immerzuaufs-Äußerste-gefaßt-Seins geht öfter mal das Augenmaß verloren, das ja not tut, um die Diktatur der Aktualität mit einem einigermaßen zuträglichen Arbeitsklima zu vereinbaren. Insbesondere die Nachrichten- und Politik-Redaktionen benötigen eine sozusagen konstitutionelle Gelassenheit: Sie dürfen nicht drauf reinfallen, wenn die Aktualität mit den Fingern schnippt, sondern müssen warten können, bis sie mit dem Fuß aufstampft. Der Witz an der Sache ist nämlich, daß dieselben Leute, die von der Aktualität abhängen und ihr dienen müssen, sie, die Aktualität, auch definieren und sie insofern herstellen. Wenn am Ende der Welt ein Volksaufstand ausbricht, merkt das womöglich keiner, aber wenn der Papst Husten hat, beeilt man sich, es mitzuteilen. Wir alle kennen das: Man sitzt vorm Fernseher und faßt es nicht – wofür man sich interessieren soll.

Jetzt ist es das Wahljahr, das im deutschen Fernsehen die Prioritätenliste umschreibt. und am Stil dieser Umschreibung läßt sich ablesen, nach welchen Kriterien Aktualität gemodelt wird. Rauschgiftsucht und Drogenhandel zum Beispiel sind ein Thema, das dauernd brennt, man könnte es jeden Tag ins Programm heben, und es wird auch nicht selten verhandelt Seit ein neues Urteil die weichen Drogen beziehungsweise ihren Genuß entkriminalisieren will, ist die Debatte erneut aufgeflammt. Aber zur Aktualität, die das Abendprogramm umschmeißt und auf einem "Brennpunkt" namens "Harter Kampf um harte Drogen" besteht wird das Ereignis erst, nachdem es parteipolitisch gerastert wurde. Da hat sich einer von der SPD aus dem Fenster gehängt und den Besitz kleiner Mengen auch harter Drogen zur Bagatelle erklärt, schon kommen die Gegenmeinungen aus dem Unionslager, und fertig ist die brandheiße Aktualität.

Wer am 19.5. einschaltete, um eine Reportage über Geheimdienste im Kalten Krieg anzusehen, mußte den 198. Kurzfilm über jugendliche Junkies ertragen und Moderator Lutgert sagen hören: "Ja, das ist Elend, da tun sich Abgründe auf." Anschließend tauschte eine Riege Berufener wohlbekannte Argumente aus, aber niemand wußte eine Antwort auf die Frage: "Kann in Kiel sanktionsfrei bleiben, was in München bestraft wird?" Der Moderator mühte sich, durch Wörter wie "Elend" und "Abgrund" die Hitze der Aktualität durch die Sendung lodern zu lassen, las aber dann sein Schlußwort ab. Das Wahljahr läßt von seiten des Fernsehens alle möglichen Zumutungen befürchten. Aber daß jetzt auch noch die Aktualität anhand von Wahlkampftauglichkeit definiert werden soll – das geht zu weit.

Barbara Sichtermann