Von György Konräd

Muß man von Europa enttäuscht sein? Oft habe ich schon gelesen, daß Europa gestorben sei, vielleicht gerade in Bosnien, doch auch ganz allgemein liege es in den letzten Zügen. Solchen Botschaften glaube ich ebensowenig wie der Nachricht von meinem eigenen Tod, würde ich davon in der Zeitung lesen. Woran soll sich also meine Enttäuschung messen?

Daran gemessen, wie mein Leben in den verschiedenen Perioden Europas ausgesehen hat, sagen wir 1938, 1944, 1945, 1948, 1956, 1968, 1981, gibt der gegenwärtige Status quo keinen Anlaß zur Enttäuschung. Wir leben nicht im Krieg oder in der Angst vor einem Weltkrieg. Die Chance, eines gewaltsamen Todes zu sterben, hat abgenommen. Mit meinem ungarischen Reisepaß kann ich mich in ganz Europa bewegen, ohne daß es dazu einer mit vielen Stempeln versehenen Reisegenehmigung bedarf. Ich lebe in einem demokratisch ambitionierten Rechtsstaat, wo ich frei publizieren und, sofern ich mit meiner Regierung unzufrieden bin, diese durch meine Stimmabgabe abwählen kann. Als Rezipient und Verbreiter von geschriebenen und ausgestrahlten Texten bin ich in meinem Dorf mit den Zeitgenossen überall in der Welt verbunden. Ich kann leben, arbeiten, kommen und gehen, wie es mir gefällt, das als "nichts" zu bezeichnen wäre unzutreffend. In den achtziger Jahren ist all das keine Selbstverständlichkeit gewesen. Es gibt keinen Grund, ausgerechnet mit den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts unzufrieden zu sein.

Wenn diejenigen, die Illusionen nachjagen, enttäuscht sind, so ist das ihre Sache. Europa als Ideologie kann dem Schicksal nicht entrinnen, das Ideologien erleiden: Sie sind überholt worden und werden immer unwichtiger. Europa ist keine Utopie, sondern Geschichte und ein Drama mit ungewissem Ausgang: Seine Zukunft hängt von ihm selbst ab. In den Jahren des Kalten Kriegs ist die Souveränität Europas eingeschränkt gewesen, die Souveränität des Westens freiwillig, die des Ostens unfreiwillig.

Seitdem die Vormundschaftsperiode der Supermächte zu Ende gegangen ist, müssen wir mit der Mündigkeit und der neuen Verantwortung zurechtkommen. Dafür ist es höchste Zeit, denn im Rückblick auf dieses Jahrhundert fällt die Anhäufung von Irrtümern, Versäumnissen und Verantwortungslosigkeit in der europäischen Politik auf, nicht zu sprechen von den menschenverachtenden Verbrechen. Wenn Europa ungeschönte, unverfälschte Geschichte bedeutet, nicht nur intelligente Schöpfung, sondern auch sinnlose Vernichtung, wenn Europa in seiner umfassenden Tradition Stolz und Schuldbewußtsein vereinigt, wenn Europa nicht nur die Institution der Europäischen Gemeinschaft und deren Pläne bedeutet, sondern auch den ständigen Wandel, der phantastische und abscheuliche Figuren auf der Bühne umherwirbeln läßt, wenn Europa also eher ein Roman als ein Traum ist (und der Traum natürlich ein Bestandteil des Romans), dann hätte ich keinen Anlaß, mich der Enttäuschung hinzugeben, scheint doch der Roman reizvoll und interessant. Er steckt voller Herausforderungen.

Ein für die Praxis bestimmter Plan ist Europa zu einem Zeitpunkt geworden, da uns globale Probleme auf den Leib gerückt sind, da der Schutz der Biosphäre für das Überleben der Menschen wichtig geworden ist. Zugleich schreitet die Integration des kleinen Europa unaufhaltsam voran, und das nicht nur durch Vereinbarungen auf Regierungsebene, sondern auch durch Begegnungen der europäischen Bürger. Die nationalen Gesellschaften und ihre Märkte greifen ineinander über und verflechten sich, unabhängig davon, ob davon gesprochen wird oder nicht, sie "machen" Europa, und zwar derart sichtbar, daß man getrost auf die vielen einschlägigen Reden verzichten könnte. Nachbarschaft verbindet, wenn nicht künstlich ein Keil zwischen die Nachbarn getrieben wird. Durch Zusammenarbeit und Vertrauen werden die gemeinsamen Institutionen gestärkt und neue Verträge geschlossen.

Gemessen an seinen Herausforderungen ist der Alte Kontinent jung, ja sogar unbedacht und amateurhaft, wie sich in der Handhabung des Balkankriegs gezeigt hat. Europa ist ratlos, bis wohin es sich erstrecken soll: Wo ist die Grenze zwischen dem alten Eisernen Vorhang und dem Stillen Ozean zu ziehen? Eines ist sicher, Europa dehnt sich aus, und ein Organismus im Wachstum kann als jung bezeichnet werden.