Von Hans Otto Eglau

Wenn Bayer-Chef Manfred Schneider auf sein Amerika-Geschäft zu sprechen kommt, verfällt der eher technokratischunterkühlte Manager geradezu in Euphorie. Und dies nicht ohne Grund: Mit fast zehn Milliarden Mark setzt der weltweit drittgrößte Chemiekonzern in den Vereinigten Staaten inzwischen mehr um als in seinen deutschen Stammlanden. Doch für die amerikanischen Verbraucher ist der Riese nur ein Zwerg, dessen Namen sie nur von einem einzigen Produkt kennen. Und dieses Produkt, "Bayer Aspirin", stellt in Wirklichkeit auch noch ein ganz anderes Unternehmen her.

Mit Bayers Rolle als namenloses Aschenputtel auf dem größten Chemiemarkt der Welt könnte es bald vorbei sein. Denn überraschend eröffnet sich den Leverkusenern jetzt die Chance, ihre im Ersten Weltkrieg als Feindvermögen konfiszierten und später an die amerikanische Firma Sterling Drug (heute: Sterling Winthrop) versteigerten Schutzrechte am Namen "Bayer" und dem berühmten Bayer-Kreuz zurückzukaufen. Der jetzige Sterling-Eigner, der amerikanische Photo-Multi Eastman Kodak, kündigte Anfang Mai an, seine Pharma-Tochter an den Meistbietenden zu verkaufen. Schwer auf dem Konzern lastende Schulden von fast zehn Milliarden Dollar und akute Probleme in seinem Kerngeschäft hatten Kodak-Chef George Fisher keine andere Wahl gelassen, als Ballast abzuwerfen. Dabei hatte der Photoriese Sterling Drug selbst erst 1988 in einer Übernahmeschlacht gegen den Schweizer Pharmakonzern Hoffmann La Roche für 5,1 Milliarden Dollar erworben, mit seiner neuen Sparte jedoch trotz eines Joint-ventures mit der französischen Firma Sanofi nur mäßig reüssiert.

Sollte Bayer tatsächlich Sterling erwerben, wäre dies der Endpunkt eines beispiellosen Namensstreits. Bis zur Ersteigerung des amerikanischen Bayer-Vermögens Anfang 1919 war Sterling ein konturloser Fabrikant von allen möglichen Hausmitteln – vom Abführmittel bis zur Potenzpille – gewesen. Mit dem Höchstgebot von ganzen 5,3 Millionen Dollar sicherten sich die Bayer-Aufkäufer vor allem den Zugriff auf die von den Deutschen schon 1905 am Hudson River gestartete Produktion des sieben Jahre zuvor entwickelten Jahrhundert-Präparats Aspirin. Schon 1907 hatte Bayer 21 Prozent seines US-Umsatzes mit dem Pillen-Bestseller gemacht, 1909 sogar 31 Prozent. Obendrein gehörten zu der von Sterling ergatterten Kriegsbeute auch die Namensrechte für Aspirin und weitere Bayer-Produkte auch in anderen Ländern, vor allem in Südamerika und Kanada.

Anders als der schon damals auf weltweite Präsenz bedachte Bayer-Generaldirektor Carl Duisberg, hatten die Sterling-Manager kaum internationale Ambitionen. So stimmten sie denn auch schon 1920 einer Rückübertragung der südamerikanischen Namensrechte an Bayer zu. Erst 1970, also genau ein halbes Jahrhundert später, handelten die Leverkusener den Inhabern der Bayer-Rechte die weltweite Nutzung ihres Namens und ihrer Warenzeichen ab. In den Vereinigten Staaten wollten die Amerikaner jedoch keinen Fußbreit Boden preisgeben. Und selbst als die Deutschen 1986 noch einmal 25 Millionen Dollar auf den Tisch legten, war Sterling nur bereit, Bayer die Verwendung seines Firmennamens in einer Management-Holding sowie bei Produkten zu gestatten, die für industrielle Abnehmer und nicht etwa für private Verbraucher bestimmt waren. Sich mit Hilfe des weltbekannten Bayer-Kreuzes in Amerika ein unverwechselbares Image aufzubauen blieb dem Konzern dagegen auch weiterhin verwehrt. Statt dessen mußte sich der Chemieriese nach wie vor hinter seinen amerikanischen Neuerwerbungen verstecken, vor allem der mit Monsanto aufgebauten und 1967 ganz übernommenen Mobay (Polyurethan-Rohstoffe für Schaumstoffe) und der 1978 erworbenen Miles Inc. in Elkhart/Indiana, unter anderem Hersteller des Allheilmittels Alka-Seltzer.

Wegen angeblicher Verletzung des Vertrages von 1986 erhob Sterling gegen Bayer vor vier Jahren Klage vor einem New Yorker Gericht. In einer richterlichen Anordnung (injunction) wurden den Deutschen teilweise groteske Verhaltensregeln auferlegt. So durften sie weltweit unter ihrem Firmennamen keine Anzeigen in Publikationen veröffentlichen, von denen mehr als 5000 Exemplare in den Vereinigten Staaten erscheinen. Sogar Kugelschreiber und Kaffeebecher mit Bayer-Aufdruck mußten auf richterliche Weisung verrichtet werden. Argwöhnisch wachten die verling-Manager darüber, daß Bayer-Vorstände in Amerika nicht etwa auf Visitenkarten oder in Geschäftsberichten ihrer amerikanischen Tochterfirmen offen für den Mutterkonzern auftraten. Sie prangerten sogar vor dem Pittsburgher Bürohaus, in dem in zwei Etagen die Holdingfirma Bayer US Inc. domizilierte, einen vor dem Gebäude auf einer Granitplatte angebrachten Hinweis an. Zwar hob Anfang 1994 ein Bundesgericht die diskriminierende Anordnung wieder auf; doch darf der Chemieriese bis heute nicht mit seinem Namen und Firmenlogo in der Öffentlichkeit auftreten.

Ihr leidiges Amerika-Problem hätten die Leverkusener vor sechs Jahren ein für allemal lösen können, wenn sie damals Kodak überboten und damit Sterling Drug selber übernommen hätten. Doch ein Investment von möglicherweise weit über fünf Milliarden Dollar schien den renditebewußten Chemiemanagern seinerzeit nicht zu verantworten. Diesmal allerdings will Bayer aufs Ganze gehen. Unmittelbar nachdem Kodak sein; Pharmatochter zum Verkauf gestellt hatte, ließ Konzernchef Schneider Bayers Interesse an einer Übernahme des sogenannten OTC-Geschäfts (Over-The-Counter) von Sterling öffentlich verkünden. In dieser Sparte (Jahresumsatz: knapp eine Milliarde Dollar) sind die nichtverschreibungspflichtigen Medikamente, unter anderem Bayer Aspirin, zusammengefaßt. Ihre Ambitionen, mit dem OTC-Business automatisch die Namensrechte zurückzuerhalten, ließen die Bayer-Manager, wohl um bei Kodak keine übertriebenen Preisvorstellungen zu wecken, eher verhalten anklingen.