Im Zeichen der "Standortdebatte" feiern in Deutschland derzeit Kampagnen "Pro Gentechnik" zu fliehen. Dort fühlen sich mittlerweile sogar viele Grüne zunehmend unbehaglich. Nach zehn Jahren gesellschaftlicher Debatte können wir nicht so tun, als wäre diese ergebnislos verlaufen. Die Gehtechnik erlaubt es, mit bislang nicht gekannter Genauigkeit und Geschwindigkeit Erbinformationen zu identifizieren, zu analysieren und über alle Artengrenzen hinweg auszutauschen. Bei der Klärung von Risiko und Verantwortung hilft die auch von Jens Reich in der türlichkeit" der Gentechnik nicht weiter - als ob beim gezielten Klonen menschlicher Embryonen oder beim "Optimieren" von Seuchenerregern der Hinweis, dies komme auch in der Natur vor, uns die Frage der Verantwortbarkeit menschlichen Tuns ersparen könnte.

Gentechnik ist, das kann man nach zwanzig Jahren, Zehntausenden von Versuchen und über 1200 Freisetzungsexperimenten schon sagen, im Unterschied zur Kernenergie keine "Risikotechnik". Beim sorgfältigen Vergleich mit "konventioneller" Technik schneidet sie durchaus nicht immer als der riskantere Weg ab. Es gibt in vielen Einzelfällen auch sichere gentechnische Arbeiten. Die unverdrossene Suche nach Ereignissen, die "die Gefährlichkeit der Gentechnik" beweisen könnten - von häufigen Krebserkrankungen bei Forschern am Louis Pasteur Institut bis zur angeblich gentechnischen Entstehung des Aids Virus , wirkt von Jahr zu Jahr weniger überzeugend.

Dennoch ist das mit dem Gentechnikgesetz verankerte Prinzip, zunächst die Gesundheits- und Umweltrisiken eines jeden gentechnischen Vorhabens zu prüfen, der angemessene Umgang mit biologischen Gefahrenpotentialen. Dabei ist es keineswegs irrational, nach mehr als 1200 Freisetzungsexperimenten zu erwägen, daß im Einzelfall durchaus kontrollierbare Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen auch in vereinfachten Verfahren genehmigt werden könnten. Ulrich Becks Postulat von der "Folgenblindheit der technischen Entwicklung" ist in dieser Pauschalität falsch. Allerdings: Unser Problem sind nicht GAUs der Gentechnik, sondern es ist unser nach wie vor in manchen Bereichen ungenügendes Wissen über mögliche Risiken. Das gilt etwa für die nicht rückholbaren Freisetzungen gentechnisch veränderter Bakterien oder Viren in die Umwelt oder bei den ersten klinischen Versuchen in der somalischen Gentherapie. Unabhängig von Standorthysterie oder euphorie brauchen wir die gesellschaftliche Debatte darüber, wie und wo in der Genforschung Vorsicht geboten ist. Insbesondere unsere gesellschaftliche Kommunikation über Risiken liegt im argen. Wir brauchen vor allem mehr "Glasnost" in der Gentechnik.

Dennoch hat die Debatte der vergangenen zehn Jahre mit vielen kritischen Anfragen durchaus Erfolge gebracht. Deutschland ist mit dem Gentechnikgesetz und dem Embryonenschutzgesetz (es enthält das Verbot der Keimbahntherapie) das Land mit dem weitestgehenden Regelwerk für diese Bereiche. Es wird noch in diesem Jahr vom Bundestag ergänzt werden mit Regelungen über den Ausschluß der Genom Analyse bei Einstellungsuntersuchungen und über den genetischen Fingerabdruck im Strafverfahren.

Daß wir in Deutschland im internationalen Vergleich so spät mit Freisetzungsexperimenten begonnen haben, war politisch gewollt. Und vielleicht beruht ja auch die Entscheidung der hiesigen Lebensmittelindustrie, bislang noch nicht bei Novel Food einzusteigen, auf einer profunden Kenntnis deutscher Verbraucherwünsche. Insgesamt hat sich die zehnjährige Debatte in einer differenzierteren Haltung der Öffentlichkeit gegenüber der Gentechnik niedergeschlagen. Eine große Mehrheit der Bevölkerung unterstützt mittlerweile deren Einsatz in sinnvollen Bereichen, vor allem in der Grundlagenforschung und Medizin, während zugleich Skepsis und Ablehnung gegenüber ihrer Anwendung in der Lebensmittelproduktion und bestimmten Sektoren der Landwirtschaft andauern. Die Gentechnik ist für die meisten kein Anlaß für Glaubensbekenntnisse, sondern wird nüchtern an ihrem möglichen Beitrag für die Verbesserung unserer Lebensqualität gemessen. Und das ist gut so, auch wenn es Fundamentalisten in Alternativgruppen, Industrie und Wissenschaft schmerzt. Der aktuelle gesellschaftliche Streit könnte jedoch zu einem Rückfall in alte Grundsatzpolarisierungen führen. Wissen manche Vertreter der chemischen Industrie oder der Wirtschaftsministerien des Bundes und der Länder eigentlich, welchen Schaden sie mit ihren Totschlagsargumenten in der Standortdiskussion diesen mühsam erreichten Diskursergebnissen zufügen können?

Auf die Tagesordnung gehört vielmehr der produktive Streit darüber, Welche Anwendungen der Gentechnik sinnvoll, notwendig und tragfähig sein werden in einer modernen, ökologischen und sozialen Zielen verpflichteten Industriegesellschaft. Natürlich hat Jens Reich recht, wenn er postuliert, die Gentechnik sei "technologisch weich gestaltbar". Dies gilt beispielsweise da, wo Stoffwechselleistungen lebender Zellverbände oder Zellen chemische Syntheseverfahren ersetzen könnten. Gewiß kann die Gentechnik auch eine ökologisch verträglichere Landwirtschaft realisieren helfen. In unseren Klimazonen kann auch der Ökobauer bei der Getreideerzeugung nur dann auf Pilzgifte verzichten, wenn wir endlich Getreidesorten züchten, die unempfindlich gegen Pilzbefall sind. Dabei ist der Einsatz der Gentechnik richtig und hilfreich. Jens Reich müßte sich aber darüber im klaren sein, wenn er für die "ökologische Unschuld" der Gentechnik wirbt, daß die kommerziellen Investitionen insbesondere der chemischen Industrie zur Nutzung der Gentechnik auf diesem Gebiet sich bislang nur schwer in einen solchen Kontext einordnen lassen.

Es wäre Aufgabe von Wissenschaft und Politik, die Gestaltbarkeit der Gentechnik auch gesellschaftlich erfahrbar zu machen, etwa durch die Konzentration öffentlicher Fördermittel auf ökologisch erwünschte Anwendungen in der Tierund Pflanzenzucht. Beiträge zum gesellschaftlichen Fortschritt hat die Gentechnik bislang nur in der Grundlagenforschung und Medizin erbracht. Weder in der Bekämpfung des Hungers noch beim biologischen Pflanzenschutz, weder in der Altlastensanierung noch beim Realisieren der "sanften Chemie" hat sie bislang aus Hoffnungen Wirklichkeit machen können.