Von Bernd W. Kubbig

Der Fall Oppenheimer kommt nicht zur Ruhe. Im April 1954 eröffnete die mächtige US-Atomenergiekommission ein Anhörungsverfahren gegen den einstigen wissenschaftlichen Leiter des Manhattan-Projektes, das zum Bau der amerikanischen Atombombe führte. Der Ende Mai 1954 von zwei der drei "Richter" vorgelegte Befund war so widersprüchlich, wie das gesamte Tribunal absurd war. In diesem größten wissenschaftlichen Schauprozeß der US-Nachkriegsgeschichte erklärten Gordon Gray und Thomas Morgan den schon zu Lebzeiten legendären Physiker zum Sicherheitsrisiko. Gleichzeitig bestätigten sie jedoch, daß Oppenheimer sich loyal verhalten habe und mit geheimem Material vorsichtig umgegangen sei.

Dieses Tribunal und sein Resultat waren nur in einem Klima antikommunistischer Hysterie möglich. Die Lawine ins Rollen gebracht hatte das Schreiben eines William Borden an FBI-Chef Hoover vom 7. November 1953 mit der Beschuldigung; es sei "eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich", daß der Physiker ein "Agent der Sowjetunion" gewesen sei. Hierfür hat es jedoch nie Beweise gegeben. Nachweisen konnten Oppenheimers Gegner in den Zentren der Macht – FBI, Pentagon, Atomenergiekommission – nur, daß er zu Menschen Beziehungen hatte, die Kommunisten gewesen waren (einschließlich seiner Frau) und daß er in den wirtschaftlich katastrophalen dreißiger Jahren kommunistische Organisationen unterstützt hatte. Anders als 1947 und 1949 reichten derartige Verdächtigungen im vergifteten Klima des McCarthyismus 1953/54 aus, den ebenso brillanten wie arroganten US-Atomphysiker Nummer eins zu entmachten, weil er in "Zeiten der Gefahr" den Bau der Wasserstoffbombe nicht entschieden vorantrieb. Es ist bezeichnend für Teile der amerikanischen Eliten, daß sie einen außergewöhnlichen Mitbürger, der das einflußreichste Technologieprojekt in der amerikanischen Militärgeschichte geleitet hatte, ohne Beweise verdächtigten und verstießen – während der ehemalige wissenschaftliche Nazi-Kollaborateur Wernher von Braun für unbedenklich gehalten wurde und seinen technologiepolitischen Siegeszug in den USA mühelos fortsetzen konnte.

Genau vierzig Jahre nach Eröffnung jenes fragwürdigen Anhörungsverfahrens präsentiert Pawel Sudoplatow in seinem Ende April erschienenen Buch Behauptungen, die Oppenheimers Gegner während des Tribunals selbst gern vorgebracht und bewiesen hätten – wenn sie dazu in der Lage gewesen wären. Denn Sudoplatow gibt vor, daß Oppenheimer nicht nur ein Sicherheitsrisiko für die USA, sondern ein Agent des Stalin-Regimes gewesen sei. Und nicht nur er. Niels Bohr, Enrico Fermi und Leo Szilard, ebenfalls führende Physiker dieses Jahrhunderts, sollen der UdSSR in den Jahren 1942 bis 1945 die "wichtigsten Informationen" für den Bau der sowjetischen Atombombe geliefert haben.

Das Kapitel "Atomspione" (um das es in dieser Rezension ausschließlich geht) beschreibt spannend und zum Teil detailliert, wie entschlossen, gewieft und erfolgreich der sowjetische Geheimdienst Berijas vorging, um sich die entscheidenden Kenntnisse für die Konstruktion einer eigenen Bombe zu besorgen. Das Hauptinteresse galt Oppenheimer, dessen "linksgerichtete Neigungen" der NKWD genauso ausgenutzt haben will wie die Angst des Physikers, Hitler-Deutschland könne vor den USA nuklearfähig sein. Die Agentin Elizabeth Zarubin, so Sudoplatow, wurde auf den Leiter des Manhattan-Projekts angesetzt.

Der größte Coup sei dem NKWD gelungen, als er die Agenten Oppenheimer, Fermi und Szilard dazu bewegen konnten, antifaschistische deutsche Physiker in die entscheidenden Forschungszentren Los Alamos, Oak Ridge und Chicago zu schleusen. Einer von ihnen war Klaus Fuchs, der zur britischen Forschergruppe gehörte. Daß er der UdSSR aus innerer Überzeugung mit die entscheidenden Informationen geliefert hat (was die Zeit für den Bau der sowjetischen Bombe um ein bis zwei Jahre verkürzte), ist seit langem bekannt. Sudoplatow schreibt nun, dies sei mit Oppenheimers Wissen geschehen.

Die Behauptungen des ehemaligen Berija-Bluthundes haben vor allem unter Naturwissenschaftlern in den USA großes Aufsehen erregt. Die Amerikanische Physikalische Gesellschaft hielt eigens eine Pressekonferenz ab und verurteilte die Thesen des russischen Autors. Die Aufregung ist vor dem Hintergrund des Oppenheimer-Prozesses verständlich, der mindestens eine Generation amerikanischer Physiker geprägt hat und den meisten älteren Naturwissenschaftlern in schrecklicher Erinnerung ist.