Die deutsche soziale Marktwirtschaft wurde in Großbritannien viele Jahre als Vorbild empfohlen, manchmal in geradezu peinlicher Weise bewundert. Dann erlebte die Insel nach schwerer Rezession ab Mitte der achtziger Jahre einen heftigen Boom und ließ die deutsche Wirtschaft zurück. Schnell schlug die Meinung um. Freie Marktwirtschaft ä la Thatcher wurde gerühmt, die soziale Marktwirtschaft made in Germany geschmäht. Die von einem Übermaß an Regeln und Bindungen befreiten Briten, so glaubte man zu entdecken, sind anpassungsfähig und leichtfüßig geworden und überholen die Deutschen, die in ihren angeblich so modernen und fortschrittlichen Institutionen erstarren.

Es gibt Anzeichen dafür, daß das Pendel der Diskussion in Großbritannien, wo die "Systemdiskussion" stets lebhaft geblieben ist und von der Rechten dominiert wurde, wieder umzuschlagen beginnt. Grund dafür ist nicht so sehr die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Dynamik. Großbritannien wird in diesem Jahr ein Wachs- MM turn von vielleicht drei Prozent erleben, während man in Deutschland noch nicht recht weiß, ob die Rezession wirklich zu Ende gekommen ist.

Aber auf der Insel wird nun häufiger gefragt, ob m man auf dem "angelsächsischen" Weg - und damit meint man eigentlich den US amerikanischen Weg von ungehinderter privatunternehmerischer Initiative, geringem sozialen Schutz und mangelnder kollektiver Vorsorge - nicht zu weit gegangen ist; und ob Unsicherheit nicht auch die Gefahr gesellschaftlicher Instabilität heraufbeschwört und den gesellschaftlichen Zusammenhalt auflöst. Diese Zweifel führen manche britische Beobachter dazu, den Vorteil des Strebens nach Konsens und die Fähigkeit zum Wandel in einer Ordnung zu entdecken, die "sozial" als Beiwort führt.

David Goqdhart hat nach drei Jahren als Korrespondent für die Financial Times in Deutschland seine Gedanken zu Papier gebracht ("The Reshaping of the German Social Market", Institute for Public Policy Research, London) "Das deutsche Modell", so beobachtet der Autor, "verändert sich, gibt aber dabei nicht seine zentralen sozialmarktwirtschaftlichen Institutionen auf, die es radikal von dem angelsächsischen Marktsystem unterscheiden. Die Einrichtungen stellen sich als flexibler heraus als erwartet Goodhart hakt eine Reihe deutscher Mängel ab, wie bürokratische Unbeweglichkeit und institutionelle Starrheit, preist die deutsche Berufsausbildung, sieht Annäherungen an die angelsächsischen Methoden zum Beispiel in Finanzen und Management und gibt dem deutschen Modell durch die Umformung (renächsten Wahlen (in Großbritannien) wieder in Mode zu kommen".

Im Wettbewerb der Systeme räumt Goodhart der deutschen sozialen Marktwirtschaft mehr Chancen als dem britischen Laissez faire ein, die Ordnung in der Europäischen Union zu gestalten. "Aber die Tugenden der fortschrittlichen deutschen Alternative gegenüber dem sozialen Darwinismus des angelsächsischen Modells müßten auch auf der Weltbühne lauter verkündet werden Der Autor sorgt sich in seiner Schrift für das nach links neigende Forschungsinstitut insbesondere, daß in der kritischen Phase des Übergangs in Mittel- und Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion die Vorzüge der sozialen Marktwirtschaft nicht genügend herausgestellt werden. Das "weniger erfolgreiche, aber ideologisch dominierende angelsächsische Modell" setze sich deshalb quasi aus Versehen durch.

Diese Befürchtung plagt auch William Keegan. In seinem Buch "The Spectre of Capitalism" (Random House, London) beschwört der Kolumnist des Observer das "Gespenst des Kapitalismus" und meint damit das von ThatcherReagan überkommene Modell, welches in den Ländern, die kommunistischer Planwirtschaft entkommen sind, auch zu ungehemmten Marktexzessen und Mafia Kriminalität geführt habe. Von allen kapitalistischen Modellen böten Japan und Deutschland trotz ihrer gegenwärtigen Probleme die besten Beispiele einer gemischten Wirtschaftsordnung (mixed economy) für die früheren kommunistischen Länder.

Die "Systemdiskussion" erhält in Großbritannien auch eine aktuelle innenpolitische Bedeutung. John Major und seine konservative Regierung sind so unpopulär, wie jetzt die jüngsten Kommunalwahlen bestätigten, daß%ine Ablösung des Parteiführers und Premierministers immer wahrscheinlicher wird.